Die Ohrfeige im Donauturm

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Die Ohrfeige im Donauturm | story.one

In meinem Bekanntenkreis gab es anno dazumal einen jungen Mann, den jeder gern mochte und der gerne Studentinnen, die er für hübsch befand, ausführte, um sie vor verschiedenen Kulissen zu fotografieren. In regelmäßigen Abständen schmiss er dann bei sich zu Hause eine Party, zu der er alle seine Freunde und alle Damen einlud, die er fotografiert hatte, und präsentierte stolz seine Fotografien. Wenn uns eine gefiel, machte er sie gern für uns nach. Auf andere Weise näherte er sich den Fotografierten meines Wissens nie.

So kam es, dass mich besagter Bekannter eines schönen Frühsommertages in den Donauturm zu einem Kaffee einlud. "Vielleicht schaff' ich ja ein gutes Foto von dir und dem Stephansdom im Hintergrund!", frohlockte er freudig. Ich war dabei.

Der Donauturm drehte sich, die Skyline im Sonnenlicht war strahlend schön. Wir saßen entspannt bei Kaffee und Kuchen.

Plötzlich erschien, wie vom wilden Affen gebissen, eine mir unbekannte junge Frau mit wuscheligen blonden Haaren, gefolgt von einer etwas älteren, die schwarzhaarig war, steuerte direkt auf meinen Begleiter zu, versetzte ihm ohne jede Einleitung eine schallende Ohrfeige und schimpfte dann wütend auf ihn ein.

Das lasse sie sich nicht gefallen, eine Unverschämtheit sowas, was er sich eigentlich einbildete, das könne er sich abschminken, und sie habe so etwas noch NIE erlebt... Die Ältere setzte nach, mit ihrer Schwester mache so etwas KEINER, und dass Männer Schweine seien, das wisse sie ohnehin schon längst...

Mich ignorierten die beiden völlig, und meinem auch sonst nicht sehr eloquenten Begleiter blieb die Luft weg. Kein einziges Wort der Verteidigung entkam seinen Lippen. Sie hätten ihn ohnehin nicht angehört.

Etwa fünf Minuten dauerte der Spuk. Dann entschwanden sie wieder, ebenso plötzlich, wie sie aufgetaucht waren, stolz wie die Erinnyen in den Tiefen des Donauturms.

Betretenes Schweigen. Was hatte der gute Mann wohl angestellt? Ein Foto im Badeanzug gemacht und es hergezeigt? Aber nein, das traute ich ihm nicht zu.

Einem Impuls folgend näherte ich meine Hand beschwichtigend der seinen, aber er zog sie abrupt zurück. Seinem Habitus entnahm ich, dass ihn die Situation eben völlig überrascht und überfordert hatte. Er erzählte mir nicht, was ihm die beiden vorgeworfen hatten, und er machte auch kein Foto von mir vor dem Stephansdom.

Etwa 20 Jahre später traf ich ihn zufällig wieder. Er hatte eine offenbar wenig spektakuläre Laufbahn in einer Versicherung eingeschlagen und vor zweieinhalb Jahren geheiratet. Seine Frau war um 11 Jahre älter als er und hatte zwei halbwüchsige Töchter in die Ehe mitgebracht. Stolz präsentierte er mir ein paar Fotos, die er von seinen Leihkindern geschossen hatte. Zwei hübsche Mädchen, gut fotografiert.

Ich lächelte versonnen. 'Es hat sich nicht viel verändert!', dachte ich mir verschmitzt.

Nur wofür er damals im Donauturm die schallende Ohrfeige kassiert hatte, ja, das habe ich nie erfahren.

Foto: Gastro News Wien

© SonjaUrbanek 08.03.2020