Es fühlt sich richtig an

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Es fühlt sich richtig an | story.one

Christi Himmelfahrt 2020. Ich bin unruhig, als ich um etwa halb neun aus erholsamem Schlaf erwache. Muss ich aufstehen? Nein, es ist Feiertag. Also genieße ich ihn.

Meine Stimmung ist wehmütig; wehmütig und gelöst zugleich, und es schwingt etwas Freude mit. Eigenartig.

Noch kann ich mir diesen Gefühlsmix nicht ganz erklären, als mir ein Traum, den ich kurz vor dem Aufwachen hatte, zurück ins Gedächtnis kommt.

***

Ich stand an Deinem Grab. Du warst gestorben und hattest Dir dieses wunderschöne Einzelgrab unter einem Baldachin bewusst ausgesucht. An Deinem Grab blühten blaue Blumen. Deine Sportschuhe hattest Du auch hier abgelegt. Eine Gruppe Kinder rannte lachend vorbei. Du warst nicht wirklich gestorben. Es war nur Dein altes Ich, das hier ruhte. Ich fühlte, dass Dein neues Ich lebt. Du lebst in Deinem neuen Ich ohne mich. Es ist schon fünfeinhalb Jahre her. Lange.

***

Allmählich werde ich wacher, und der Tag klart auf. Feiertag. Sonne. Wohlbefinden. Ich bin nicht mehr allein.

Eine Erinnerung drängt sich mir auf.

Am Tag nach unserer Trennung war ich in meiner ersten Trauer allein durch die Donauauen gegangen. Ich rief eine Freundin an, um es ihr zu sagen, aber es schnürte mir noch die Kehle zu. Es brauchte Zeit.

Unser Leben lang nehmen wir Abschied und fangen neu an. Tun wir es nicht, stagnieren wir. Aber alles, was einmal gewesen ist, ist nicht wirklich vorüber. Es lebt weiter, nährt uns, inspiriert uns, macht uns reich. Wen wir einmal geliebt haben, den lieben wir immer noch. Nichts ist je wirklich vorbei.

Ein Impuls zieht mich bei herrlichem Sonnenschein, friedlichen Schäfchenwolken und einem angenehm kühlen Lüfterl in die Donauauen, und ich gehe sie wieder, dieselbe Strecke wie damals, einen Tag nach der Trennung von IHM.

Die Bäume und Sträucher gedeihen und blühen in sattem Grün. Auf weißen Brennnesselblüten falten Schmetterlinge ihre Flügel auf. Kinder toben auf Fahrrädern vorüber. Sie sind unbeschwert.

Ein Bekannter mit schicker Corona-Ponyfrisur grüßt mich im Vorbeischlendern. Dann bin ich wieder für mich.

Aber wer kann schon allein sein in dieser sprießenden Pracht? Wer kann sich schon einsam fühlen, wenn er spürt, dass auf ihn jemand wartet?

Wir hatten uns eben erst kennen gelernt, als der Shutdown unsere zarten Frühlingsgefühle jäh unterbrach. "Ich treffe mich jetzt mit niemandem!", sagtest Du in den Iden des Märzes zu mir.

Was hatte das ausgemacht? Nichts. Wir waren einander in langen Telefonaten näher gekommen; und als Du Anfang Mai mit fünf rot-gelben Rosen in meiner Türe standst, war es gut.

Ich streife durch die blühenden Auen, heute den halben Tag. Die Zeit, in der ich kaum meine Wohnung verlassen habe, hat meine Sinne geschärft.

Der Gesang der Vögel wirkt lauter, wenn ich jetzt in der Früh meine Fenster öffne. Der Kaffee schmeckt mir besser. Das Kipferl zum Frühstück ist ein wahres Gedicht. Ich lebe bewusster. Ich fühle mich reich.

Alles, was wir ersehnen, besitzen wir schon im Geiste. Es fühlt sich richtig an.

© SonjaUrbanek