Ich denke oft an Annika

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Ich denke oft an Annika | story.one

Wie oft habe ich an sie gedacht in der Zwischenzeit, sie, die ich Annika nennen möchte und mit der ich vier Jahre meines Lebens befreundet war?

Annika, das war doch die brave Freundin der Pippi Langstrumpf. Sie aber war eher wie Pippi selbst: frech, aufmüpfig, unverbildet und unangepasst. Ganz anders als ich also.

Als ich sie 1984 zum ersten Mal sah, schaute sie mir groß in die Augen.

Die Augen. Bei fast allen wichtigen Menschen in meinem Leben erinnere mich an den ersten Augenkontakt. Annikas Augen waren: offen, fragend, unvoreingenommen. Genau das brauchte ich.

Wir freundeten uns an. In genau dieser Lebensphase, als ich in pubertärem Trotz und unbändigem Vergnügungswillen erblühte, war sie die richtige Freundin für mich.

Dann maturierte ich und ging an die Uni, und wir sahen uns weniger oft.

Sie verliebte sich in einen verheirateten Mann, von dem ich nichts hielt.

Als er sie verließ, weinte sie bitterlich. Sie aß fast nichts mehr und magerte ab. Da sie als Teenager ein wenig drall gewesen war, wirkte das zunächst nicht besorgniserregend auf mich. Und was das Weinen betraf: Ich wusste selbst bereits, was es bedeutete, im ersten Liebeskummer eine Nacht lang durchzuheulen. Das verging wieder, ich kannte es.

Nicht aber bei Annika. Sie war nicht mehr sie selbst, wenn er nicht bei ihr war. Und allmählich bekam er es mit der Angst zu tun.

Er kaufte ihr einen kleinen Hund, um ihr ihren Lebensmut wiederzugeben. Sie liebte das Tier, aber sie schrie um ihn. Da kam er zurück und brachte ihr einen Hamster mit. Er wollte gehen. Sie wurde hysterisch. Ein Frettchen! Stank bestialisch, aber das störte sie nicht. Nur er musste bleiben! Und wenn er alle Zoos der Welt für sie ausgeräumt hätte - sie wollte nur ihn.

Als ich sie im Mai 1988 besuchte, war sie überglücklich, denn er war gerade wieder zu ihr zurückgekehrt. Aber es lag etwas Fremdes in ihren Augen, etwas Totes, etwas, was mir unheimlich war.

An einem Samstagnachmittag Anfang Juni rief ihre Mutter mich an. Der Mann sei gestorben, sagte sie. "Bumm", sagte ich leise, wobei ich mich keinen Deut für die Todesursache interessierte, "wie geht es Annika?" Sie wolle allein sein, erwiderte ihre Mutter jetzt.

Ich erinnere mich deutlich an das Gefühl der Erleichterung, das ich in diesem Moment empfand. Der Mann war weg! Jetzt würde sie eine Weile trauern, aber dann würde es ihr besser gehen, und es wäre vorbei.

Das Telefon rief heiß zwischen ihren Freundinnen und mir. Tenor: Ja, jetzt war es vorbei. Ihre beste Freundin würde sie morgen kontaktieren. "Das wird wieder!", schlossen wir.

Aber wir alle, die wir sie kannten und liebten, wir haben sie nicht gehört, ihre stummen Schreie, wir haben sie nicht gehört.

Wir alle haben die Situation falsch eingeschätzt.

In den frühen Stunden eines traumhaften Junimorgens, als die Sonne gerade in all ihrem Glanz hinter den Hügeln erstrahlte und ich noch lange in Morpheus' Armen lag, nahm sich meine Freundin Annika nach dem Vorbild des jungen Werther das Leben. Sie war 20 Jahre alt.

© SonjaUrbanek 26.01.2020