Unauffällig

Widrige Umstände wollten es vor einigen Wochen, dass ich mich einer medizinischen Untersuchung unterziehen sollte.

Ich begab mich also in Begleitung eines verdrossenen Zivildieners ("Ich renn' hier ungefähr zwei Stunden am Tag umsonst durch die Gegend!") in den Untersuchungsraum. Acht Minuten lang kauerte ich unschlüssig auf dem Untersuchungstisch, als eine Tür aufging und ein für meine Begriffe unverschämt gut gelaunter Mann in Weiß ins Zimmer trat.

Ob ich ein spezielles Medikament vertrüge, fragte er. Dies entzog sich mangels Erfahrung meiner Kenntnis. Meine Blutwerte seien normal, erklärte der Arzt. Die angedachte Medikation sei also gewiss kein Problem.

Darauf konnte ich nicht wirklich etwas sagen. Ich bin ja kein Arzt.

Ein Arzt jedoch war mein Gegenüber. Eifrig las er in meinen Blutwerten wie andere Leute in einem Kriminalroman. "Se homm an super Wert do!", rief er dann, "an so an super Blutwert hob' i no nie do g'hobt!"

"Freut mich, wenn ich Ihnen eine Freude mache," murmelte ich verunsichert; denn aus unerfindlichen Gründen wich meine anfängliche Sorglosigkeit einer gewissen Scheu. Ärzte sind vielen Menschen, die außerhalb dieser Welt in Weiß ihr Dasein fristen, nicht ganz geheuer. Wer sich für einen Blutwert begeistern kann wie ein Kind für das Christkind, erscheint suspekt.

Suspekt ist bisweilen auch die Art, mit der Ärzte ihre Patienten zu beruhigen trachten. Es könne mir nichts passieren, sagte mein Arzt, denn das Notarztteam stünde bereit.

Notarztteam? Gerade noch war ich ruhig gewesen; aber das war vorbei. Was in aller Welt denn bei einer solchen Untersuchung passieren könne, fragte ich alarmiert.

Was tut nun ein erfahrener Arzt, wenn er merkt, dass seine gut gemeinten Worte ihre beschwichtigende Wirkung verfehlt haben? Er versucht seinen Patienten abzulenken, indem er ihm eine Geschichte erzählt.

"I sog's Ihna," begann er freundlich, "i hob' amoi in an Spitoi g'orweit, i sog' Ihna jetzt net, wo des woa..." da sei ein Patient fast wieder nach Hause geschickt worden, der einen Blinddarm gehabt hätte, der so groß gewesen sei wie eine Burenwurst. Das freilich wäre "echt oaXXX g'wes'n, waun der 'platzt wär', mit der Baatz in der ganzen Bauchhöh'n...!"

Der Arzt sah mich erwartungsvoll an. Als sich bei mir keine rechte gute Laune einstellen wollte, fügte er hinzu, in diesem Spital hier sei das natürlich ganz anders. Hier hätte ein Arzt noch Zeit, um mit seinen Patienten zu reden. Und das sei gut!

Ob ein Arzt-Patienten-Gespräch wie dieses förderlich war, sei nun dahingestellt. Seufzend ergab ich mich in mein Schicksal, wohl wissend, dass das Notarztteam hinter verschlossenen Türen auf mich lauerte.

Ich überlebte die Untersuchung ohne Komplikationen und ohne Notarztteam. Strahlend verkündete mein Arzt, es seien tausende Bilder gemacht worden. Er könne mir aber bereits versichern, dass mein Befund unauffällig sei.

Ich weiß nicht, warum mich das Wort "unauffällig" aus dem Mund jenes Mannes erstaunte.

© SonjaUrbanek