Vom Regen in die Jauche

  • 159
Vom Regen in die Jauche | story.one

Der Samstag war sonnig und warm. Ich schnappte mein Rad, stieg in den Zug nach Neusiedl und fuhr um den Neusiedlersee. Es war ein Traum von einem Radlertag mit netten Begegnungen und ungarischem Pusztaflair.

Als ich in Podersdorf einen letzten Zwischenstopp machte, um Bier zu tanken, sah ich dunkle Wolken über Neusiedl stehen. Zwei Radler am Nebentisch diskutierten: "Geht sich das aus bis Neusiedl?" - "Sicher geht sich das aus!" - "Du wirst waschelnass werden!" - "Ja, wenn ich nichts weitertu', sicher!", lachte ich frech und fuhr los.

Es kam, wie es kommen musste: Ich war noch nicht einmal auf halber Strecke, als sich die Wolken öffneten und es zu schütten begann. Schlamm spritzte an den Reifen hinauf, und ich war völlig durchnässt, als ich bei einem Unterstand neben einer Schar anderer Radler Schutz fand. Der Regen war schaurig schön; ein beeindruckendes Schauspiel.

Mein Reservegewand im Rucksack hatte ich in einen Plastiksack gebunden. Mit etwas Glück war es trocken geblieben.

Es klarte auf. Ich fuhr weiter und kam jämmerlich aussehend, aber wohlbehalten am Zielort an. Ein kleines Hotel fand sich rasch. Zufrieden stieg ich ab, schob mein Rad die letzten paar Meter, den Blick auf den Gasthof gerichtet - doch da stieg mein rechter Fuß in etwas Weiches, das mit quatschendem Geräusch nachgab. Oh nein! Ich war mit meinem guten Sportschuh in einen Hundehaufen getreten, frisch, groß und vom Regen aufgeweicht. Es stank nach Jauche. Es war widerlich.

Verzweifelt versuchte ich, den Schuh in einer Pfütze zu reinigen, was aber nur unzureichend gelang. Mit Grausen zog ich die Schuhe aus und betrat in Socken die Gaststube. Die freundliche Wirtin erklärte, ich könne mich in Zimmer Nr. 3 umziehen, das stünde offen und leer.

Ich eilte hinauf, riss die Tür auf und erstarrte: Auf dem Bett vor mir lag in Unterhosen ein Adonis von einem Mann und schlief. Schon schlug er die Augen auf. Mit einem Redeschwall vor Verlegenheit erklärte ich, was geschehen war. Nur den Hundehaufen ließ ich aus.

Das Groteske der Situation freilich wurde mir erst später bewusst: Da stand ich in meinem Radlerdress, das mir der Regen an den kurvigen Körper geklebt hatte, an der Bettkante des David von Michelangelo und stank zum Himmel. Zumindest schien mir das so. Es war niederschmetternd.

"David" selbst reagierte gelassen: Ich könne ins Bad gehen, um mich umzuziehen, und auch ein Handtuch verwenden, das sei schon okay. Das tat ich denn auch; und als ich zurückkam und mich verschämt bedankte, grinste er: "Jederzeit wieder!" und schlief sofort wieder ein. Als ob er es gewohnt wäre, dass sich gebadete Radlerinnen mit Hunde-Odeur in sein Zimmer verirrten.

Die Heimfahrt war etwas peinlich. Ich hielt mich von den anderen Fahrgästen fern. Aber als ich zu Hause ankam und meinem Freund gegenübertrat, der schon vom Klettern zurückgekehrt war, konnte er nichts Nennenswertes an mir feststellen. Der Geruch hatte sich verflüchtigt. Und auch den Schuh habe ich wieder ganz sauber bekommen.

© SonjaUrbanek 14.02.2020