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Das Schreiben und das Lesen

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Das Schreiben und das Lesen | story.one

In der letzten Zeit haben einige auf dieser Plattform Schreibende verschiedene Aspekte von Story.one beleuchtet, die mich ein wenig zum Nachdenken angeregt haben.

In den Texten, die ich gelesen habe, wurden allerlei Fragen aufgeworfen bezüglich Schreibmotivation, Suchtcharakter von Story.one, Herzerl-Jagd und Eyecatcher-Fotos. Ich habe, wenn der Impuls da war, einen Kommentar hinterlassen.

Apropos, Kommentar. Die geposteten Kommentare als ganz spezielle Textsorte sind bis jetzt noch ein Stiefkind in den kritischen Betrachtungen gewesen. Ich lese sie gerne. Für mich sind sie wichtig. Ich meine nicht nur die Kommentare zu meinen Texten, nein, auch jene zu den Texten der anderen.

Ich habe mich nämlich schon mehrmals ertappt, dass ich eine Story aus verschiedenen Gründen nicht zu Ende lesen wollte, dann jedoch downscrollte. Mein Blick erhaschte ein, zwei bemerkenswerte Kommentare, und ich besann mich eines Besseren, ging noch einmal zum Anfang des Textes zurück und nahm mir wirklich die Zeit, die die Geschichte verdient. Und es hat sich fast immer gelohnt.

Übrigens, in den Kommentaren steckt ebenso viel Selbstoffenbarung wie in den Texten. Daher ist es auch schon vorgekommen, dass mich manche Kommentare so neugierig auf ihre UrheberInnen machten, dass ich daraufhin ihre Namen und aufs Geratewohl eine ihrer Geschichten anklickte. Wenn ich spontan eine Wahl treffen muss, entscheidet für mich oft der Titel. Dann werfe ich einen kurzen Blick aufs Foto, dann auf den ersten Absatz.

Das Finden und Lesen von Storys kann immer nur eine Aus-Lese sein, denn laut eines Online-Zeitungsartikels wird geschätzt, dass wir mit Ende 2020 gut 100.000 Geschichten auf diesem Portal finden werden. Vor einem Jahr gab es über 1000 registrierte User. Wie viele sich seit dem eingeloggt haben, das wissen wohl nur die Betreiber.

Dass Story.one Suchtpotenzial entfaltet, wird meines Erachtens ein wenig gelenkt durch die Benachrichtigungen, wann eine von uns gepostete Geschichte 50 oder 100 Views aufweist. Die Notifications sollen uns vielleicht subtil beeinflussen, wer weiß? Ich beobachte meine Reaktion und schau, dass ich nur begrenzte Zeit online bin. Was sagt die Anzahl der Views eigentlich? Nicht viel. Wer auch immer meinen Text angeklickt hat, muss ihn überhaupt nicht gelesen haben. Er ist vielleicht gleich weitergehüpft.

Ein Wort noch zur Anzahl der Herzerl: Sie steht in direktem Verhältnis zur Anzahl der Follower. Wir können damit rechnen, dass 35 % bis 60 % unserer Follower unsere Geschichten liken, im Durchschnitt die Hälfte. Daraus folgt: Wer auf Herzerl aus ist, muss Follower sammeln.

Ein letzter Gedanke: Story.one ist auf keinen Fall eine Plattform, die eine Therapie ersetzt, aber Schreiben hat sicherlich therapeutischen Wert.

Was geht in jemandem vor, der plötzlich von einem Tag auf den anderen sang- und klanglos verschwindet und seine Texte löscht, das frag ich mich.

Foto by gabrielle-henderson on unsplash

© Speedwell 30.06.2020

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