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My Guardian Angels

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My Guardian Angels | story.one

Als sechsjähriges Vorschulkind galt ich als ein besonders selbstbewusstes, emanzipiertes Persönchen, das genau wusste, was es wollte und auch tat! Nur wenige Jahre davor sah die Sachlage noch ganz anders, nämlich trist und hoffnungslos, aus. Doch ich hatte Glück, einem meiner persönlichen Engel zu begegnen, in Form meiner geliebten Kindergartentante! Denn jedes Kind braucht zumindest einen Schutzengel.

Ich scheine, zumindest laut Erzählungen meiner Verwandten, ein sehr sonderbares Kleinkind gewesen zu sein. So weigerte ich mich beharrlich bis zum Kindergarteneintritt normal zu kommunizieren und entwickelte eine Art Geheimsprache, die nur meine geliebte ältere Schwester J. verstand und sprach. Und so tratschten wir beide und erschufen uns eine eigene Welt, in die die Erwachsenen keinen Einlass hatten. Was meine Familie an den Rand des Wahnsinns trieb. Niemand wusste, ob ich je sprechen würde.

Zudem ernährte ich mich ausschließlich von Grießnockerlsuppe, und das Tag ein, Tag aus. Für Mutter natürlich eine Katastrophe sondergleichen, da ich gefährlich untergewichtig wurde. Besorgt wurde ein Pädiater konsultiert. Für den Kinderarzt, ein alter Mann der alten Schule, eine eindeutige Sache: „Das Mäderl ist stark unterentwickelt, sowohl körperlich als auch geistig“. Für meine Mutter eine weitere Katastrophe, kein Trost, wenig Hoffnung. Mit dieser Stigmatisierung wurde mir zum 3. Geburtstag auch - zuerst - der Kindergartenbesuch verwehrt.

Monate später endlich die Erleichterung! Modern und mit vielen Spielsachen ausgestattet, lustige, lärmende Kinder – genau die richtige Umgebung für mich und meinen Zustand. Und da war sie – mein persönlicher Engel, Tante H. Meine Kindergartentante, die – Zufall oder nicht – meinen Vornamen trug! Wir mochten uns vom ersten Augenblick an und nach und nach blühte ich unter ihrer Fürsorge auf. Sie war wie Dünger für meine Seele! Noch immer nicht das unkomplizierteste Wesen, ließ sie mich gewähren. Da ich das Mittagsschläfchen hasste und die anderen Kinder vom Schlafen abhielt, durfte ich ihr bei Vorbereitungen helfen. Ich als einzige 4-Jährige von 60 Kindern. Ich war sowas von stolz!

Und plötzlich sprach ich – und niemand mehr von einem merkwürdigen, zurückgebliebenen Kind. Ich gedieh und entfaltete meine Persönlichkeit und meine Fähigkeiten weiter. Denn ich hatte das Glück, als Kind und Heranwachsende Menschen zu begegnen, – vor allem Lieblingstante und Lieblingsonkel –, die neben meinen Eltern, an mich geglaubt und mich als einzigartiges Individuum an- und wahrgenommen haben. Eben eine Art Schutzengel! Gerade Kinder aus dem früheren Jahrtausend, die in den 60ern und 70ern sozialisiert wurden, und deren Eltern sich nur für die alltäglichen Dinge des Kinderlebens interessierten, brauchten Fürsprecher an ihrer Seite. Ich will meiner Elterngeneration nichts Böses unterstellen, aber ich befürchte, sie hätte das Genie im eigenen Kinderzimmer nicht entdeckt!

© StAdler 05.05.2020

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