Unterwegs auf der Straße des Todes

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Unterwegs auf der Straße des Todes | story.one

Kurz vor meinem Geburtstag will ich noch einen Ritt auf der "Straße des Todes" wagen. So wird eine berühmte bolivianische Straße genannt, die von den Anden bis in den Dschungel führt. Den Namen hat dieser Pfad zum Glück von früheren Zeiten, als er noch als Hauptverbindung zwischen La Paz und den abgelegenen Orten im Urwald genutzt wurde. Zwischen 200 und 300 Todesopfer forderte diese Strecke. Pro Jahr!

Von einem Gebirgspass aus auf 4.650 m geht es sehr abenteuerlich bergab. Auf nur 60 km geht es knapp 3.500 Höhenmeter runter. Meist ist die Straße einspurig, nicht asphaltiert und misst nur knapp über 3 Meter Breite. Keine Leitschienen. Die Fahrbahn von Schlaglöchern verseucht. Erbaut in den 1940er Jahren durch Kriegsgefangene während dem Chacokrieg. Früher herrschte hier reges Treiben. Wie das hier mit Gegenverkehr ausgesehen hat, lässt sich nur erahnen. Mittlerweile gibt es eine moderne Ersatzstraße. Nur ein paar Mautflüchtlinge verirren sich noch hier her. Und natürlich Abenteurer!

Jene Reisende die adrenalinsuchend durch Bolivien ziehen, machen hier halt. Nicht mit dem Auto. Sondern mit Fahrrädern.

Gefüllt mit Gleichgesinnten und den Rädern huckepack quält sich der schwarz rauchende Bus langsam die Gebirgsstraße hinauf. Kälte & Schneeregen erwarten uns am Start. Ein Schnäpschen in die Kehle, eines auf die Erde. Die Göttin Pachamama, für die indigenen Quechua und Aymara gilt sie als personifizierte Erdmutter, gehört respektiert. Deshalb gibt es dieses Opfer nicht nur auf solchen Touren, sondern auch in Lokalen wird oft ein Schlückchen auf den Boden geleert, bevor man selbst etwas zu sich nimmt.

Dick eingepackt, mit Handschuhen und Gesichtsmasken, starten wir die Abfahrt. Ausdauer in den Beinen ist keine gefragt, denn es geht permanent bergab. Jedoch sollten die Hände gut in Schuss sein. Bremsen ist hier essentiell!

Innerhalb von kurzer Zeit durchfahren wir mannigfaltige Vegetationszonen. Bald geht die steinerne Berglandschaft in saftiges Grün über. Wir tauchen in die Wolken ein. Kleine Wasserfälle schießen von den moosbedeckten Felsen auf unseren Weg. Malerisch! Jedoch immer konzentriert und fokussiert bleiben! Ein Auge auf den Klippenrand gerichtet, der von Kreuzen gesäumt ist. Senkrecht geht es hier oft 1000 Meter in die Tiefe! Da geht sich im Freien Fall noch ein kompletter Rosenkranz aus. Kreuze erinnern an diese Unfälle. Der schlimmste forderte gar 100 Todesopfer! Ein Denkmal mahnt hier.

Gemütlich, ohne Risiko, geht es für uns weiter. Im Nu verfliegt die Zeit und wir erreichen das Ende. Dschungel. Heiß. Schwül. Längst sind wir in T-Shirts und kurzen Hosen unterwegs. Wir feiern das ganze mit einem Brückensprung in einen warmen Fluss.

So gefährlich wie der Straßenname vermuten mag ist dieses Abenteuer nicht. Unvergesslich ist es trotzdem. In Stunden sieht man die Kontraste von Flora & Fauna. Von hochalpiner Kälte bis zu feuchtwarmer Regenwaldhitze.

Würd' ich das wieder machen? Ja, natürlich!

© Stefan Perner 16.04.2020