Auf dem Weg 1

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Auf dem Weg 1 | story.one

Ein milder und sonniger Herbstnachmittag liegt satt über der Stadt. Als er aus dem großen Bürogebäude tritt, setzt der dichte Nachmittagsverkehr erst ein. Er hat also ausreichend Zeit um zum Training zu kommen. Er genießt diese Ruhe nach der Arbeit. Nicht, dass die Arbeit so anstrengend wäre. Das Buchhaltergeschäft ist wenig aufregend, wenig zyklisch. Ob er seine Sachen heute noch erledigt oder erst am kommenden Morgen, wäre jedem in der Organisation herzlich gleichgültig. Außer es wäre Jahresabschlusszeit. Bei dem bloßen Gedanken daran gruselt es ihn leicht, aber er schiebt ihn rasch und routiniert zur Seite.

Magnus Verzscher mag diese knappe Stunde zwischen Arbeitsschluss und Trainingsstart, die er ganz für sich hat. Also schwingt er sich auf sein Elektrobike, stellt sich abfahrbereit auf und tritt sachte in die Pedale. Der Unterstützungsmotor beginnt leise zu schnurren. Als er mehr und mehr Kraft in seine Tritte legt, stellt die Elektrohilfe beinahe ihre Arbeit ein, denn Magnus ist Sportler.

Das e vor dem Bike benötigt er lediglich dafür, um den leisesten Anflug von Schweiß unter seinem Hemd und der Anzugjacke auszuschließen. Schweißeln ist in seinem Job nicht opportun. Man weiß ja nie, ob man sich nicht plötzlich in einem kurzfristig einberufenen Besprechungstermin mit dem Herrn Geschäftsführer und dem strengen Controller wiederfindet, wo einem letzterer - dieser fitnessstudio-affine Lackaffe im blauen Slimfit-Anzug - mit gerümpfter Nase gegenüber sitzt.

Rasch hat Magnus die letzten ampelgeregelten Kreuzungen der Stadt überwunden, die seinen Fluss immer wieder unterbrechen. Er hat den stinkenden und schmutzig-staubigen Autoverkehr hinter sich gelassen. Magnus biegt auf den flachen Kanalradweg neben dem begradigten Flusslauf und kann das Tempo steigern. Der Weg darf offiziell nur von Radfahrern befahren werden, Kraftfahrzeuge sind nicht erlaubt.

Diesen Teil seiner Strecke mag Magnus am meisten. Während man mit steigender Geschwindigkeit dem 'brettelebenen' Verlauf des Wegs direkt auf beinahe gleicher Höhe mit dem ruhigen Wasser entlang zischt, kann das Hirn auf ein erfreuliches Erholungsprogramm schalten - quasi auf ein "Soft-Standby". Zum Beispiel schleicht sich ein anregendes Kopfkino an die reizend-blonde Assistentin im Chefbüro ein, die heute neu begonnen hat. Oder eine Erinnerung an seine Ehefrau - zum Beispiel die quälende Überlegung, was er ihr denn zum 20. Hochzeitstag schenken sollte. Den er gestern vergessen hatte.

Magnus macht rund 50 Meter vor ihm eine sportlich-muskulöse Mountainbikerin aus, holt sich vom eBike eine verstärkte Motorunterstützung, um rasch auf die fesche Radlerin im knappen Raddress aufschließen zu können. Fürs Kopfkino.

To be continued.

© Stefan_Karl