Multiprofessionell 1

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Multiprofessionell 1 | story.one

Wenn ihn jemand fragt, sagt René Juchberger: 'Außendienstmitarbeiter, Post AG' - schließlich ist er Briefträger. Üblicherweise ist er mit seinen Rayons um 14.30 Uhr locker fertig. Die Zusendungen verteilt, die vielen Rücksendungen wieder eingesammelt, die unzustellbaren Briefsendungen bereits beim lokalen Postpartner, dem Café Gaberl, abgegeben.

Das frühe Arbeitsende ist wochentags gleichbedeutend mit einer Feierabend'halben bei Gertschi, dem dazugehörigen Wirt'n. Dass der tatsächlich den Nachnamen Gaberl trägt, ist insofern treffend, als es sich bei besagtem Café-Pub Gaberl zugleich um das Vereinsstüberl des SC Reidling handelt. Der Klub startet auf einem gesicherten Mittelfeldplatz in der Unterliga A, der zweitniedrigsten Spielklasse, in das Frühjahr.

Dabei ist die Funktionärsriege des Vereins aber mehr als dünn. Das hat René mit Gertschi und den andern drei vom Vorstand schon häufig diskutiert.

»Das geht sich halt irgendwann einfach nicht mehr aus«, hat der Gertschi damals festgestellt. Darauf aber der René: »Newa dschäind'sch a winnin' Thiem!«, immer in lautmalerischem Englisch.

Was dem SC aber hilft, ist die reichlich vorhandene Tagesfreizeit von René. Ab 14.30 Uhr - sobald er im Café-Pub Gaberl eintrickst, ist er bereit zur Ausübung seiner Funktionen im Verein. Mit Stand 30.Juni ist er: Schriftführer, Sektionsleiter, Platzwart und Kampfmannschaftstrainer, plus Nachwuchstrainer von drei Mannschaften: der U16, der U9 und der U6. Gott sei Dank lassen sich seine Aufgaben verteilen - auf die Wochentage Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag - sowie Sonntag, wenn ein gegnerischer Verein um eine Spielverlegung bittet.

»Danke, aber mit dem Kicken bin ich voll ausgelastet«, hatte René seinem Vorgesetzten bei der Post AG beschieden, als der ihn strahlend gefragt hatte, ob er - René - denn nicht einen kleinen Schritt auf der Karriereleiter machen und als Postamtsleiter die lokale Filiale übernehmen wolle, als längstdienender Briefträger in diesem Gebiet. Sein jüngerer Kollege Eugen hatte den Job daraufhin bekommen. Als René geglaubt hatte, sein ehemals - bestenfalls - gleichrangiger Kollege würde ihm das morgendliche Verschlafen ebenso tolerieren, wie der alte Ferdl, hatte er von Eugen die gelbe Karte erhalten. Also eine dienstliche Verwarnung.

»Du weißt, mit dem Kicken bin ich voll ausgelastet«, meinte René zu seiner Freundin, als die ihn strahlend gefragt hatte, ob sie beide denn nicht doch den nächsten, längst fälligen Schritt machen und nach 15 langen Jahren uneingetragener Partnerschaft heiraten sollten. Juliane hatte die Konsequenzen gezogen und ihm quasi die rote Karte gezeigt. Ihn des Feldes verwiesen, also vor die Tür von Julianes Wohnung gesetzt.

To be continued.

© Stefan_Karl