Taktikbesprechung 1

Die Mannschaft sitzt in der Kabine. Endlich, denn vor den Meisterschaftsspielen ist immer viel los auf dem Fußballplatz. Bis zum Zeitpunkt, dass alle Kicker dann in der Umkleide eintrudeln, vergeht viel Zeit – zehn bis fünfzehn Minuten mindestens.

Jetzt aber sind alle da. Vinc, der Tormann. Jona, der eigentlich alle Positionen spielen konnte – außer freilich den Keeper, aber das musste man nicht dazu sagen. Tim, das Ausnahmetalent im Sturm. Oliver und Tommy, die beiden etwas trainingsfaulen Ergänzungsspieler, trudelten im wahrsten Sinn des Wortes ohnedies immer etwas verspätet ein. In Trainerurgestein Rudolf Rugler – Rufname Ruru – regt sich in diesen Fällen stets der Gedanke, endlich ein Sanktionssystem einzuführen, um die Moral der Mannschaft zu heben. Damit wir uns länger auf das Wesentliche konzentrieren können, pflegt er dann immer zu denken. Aber im Trainerteam hat er sich damit noch nicht durchsetzen können. Und ohne Ok seiner beiden Co-Trainer würde er das nicht machen. Noch nicht. Schließlich war er für die Trainingssteuerung und die Weiterentwicklung des Spiels verantwortlich.

Die letzten Monate waren diesbezüglich ein Tal der Tränen gewesen. Die Aufmerksamkeit in den Trainings-Sessions ließ etwas zu wünschen übrig. Eigentlich seit dem Zeitpunkt, als Ruru begann, die Mannschaft auf Pressing einzuschwören. Das hatten sie in dieser Phase viel trainiert. Anfangs mit viel Elan, weil die Übungen ein sehr lebendiges, intensives – manchmal schon fast grenzwertig – körperbetontes Training mit sich gebracht hatten. Weil in einigen Trainings die Trainingsanwesenheit bedrohlich abgesunken war, hatte er das eingebremst. Auch das von mehreren Seiten erhaltene Feedback, dass man sich doch bitte nicht im Training verletzen sollte, ließ Ruru reagieren. Er pfiff Tacklings gegen den Körper sowie aggressives Spiel ohne Ball nun rigoros ab – sowohl im technisch-taktischen Trainingsteil, als auch in internen Testmatches.

Damit hatte dann aber die Begeisterung der Spieler abgenommen. Seitdem vermisste Ruru in vielen Partien die Spritzigkeit und den letzten Einsatz seines Teams. Auch ergebnismäßig schien die Elf auf der Stelle zu treten. Ruru fühlte sich intern bereits etwas unter Druck – von allen Seiten: vom Vorstand, vom Sportlichen Leiter und – eigentlich lächerlich, aber doch – von den Eltern.

Aber egal, das was zuvor passiert war oder er sich vielleicht nur eingebildet hatte, zählte jetzt nicht mehr.

»Wir sind im Hier und Jetzt«, eröffnet Rudolf Rugler ganz formell die Spielerbesprechung. Die Aufmerksamkeit der Truppe ist ihm wie immer ganz wichtig, ein zentraler Punkt. Damit sich seine Ideen in den Köpfen der heute 15 Kicker verankern. »Wir sind im Hier und Jetzt!«, akzentuiert Ruru ein weiteres Mal.

© Stefan_Karl