Kickerlitzchen - VIP 1

Auf der Facebookseite des Vereins verkündet die Rot-Weiße Heimat Linz den Abgang von Spielmacher Ünal Günes. Josef Einwaller liest diese Schlagzeile um 12:15 Uhr in seinem Newsfeed, verkutzt sich an seiner Puntigamer-Halben und muss augenblicklich husten. Eine gute Minute versucht er den nass-kratzenden Reiz in seiner Luftröhre wieder zu kontrollieren, hüstelt dahin, räuspert er sich und versucht wieder zu Luft zu kommen. Als es ihm schließlich gelingt, greift er zu seinem Smartphone. Er wählt die in den letzten Anrufen gespeicherte Nummer von Johann Schubert. Der schon nach dem ersten Klingelton abhebt.

»Ralfi, servus. Hast schon gelesen im Facebook?«, steigt Josef unmittelbar ins Gespräch ein.

»Naa, ich bin grad mit der Meinen beim IKEA Serviettenkaufen und Essen. Mia sitz'n grad bei da Nochspeis'«, gibt der zurück.

»Den Ünal ham's verkauft.«

In der Leitung bleibt es für einen Moment still.

»Hans, hörst' mi'? Der Ünal - sie ham ihn verkauft«, wiederholt Josef.

Johann findet seine Fassung wieder. »Ja, i' hab' dich g'hört. Des können's ja nicht machen. Des können's ja nicht tun.«

»Des mein' ich auch. Meinst nicht, wir brauchen eine Sitzung?«

»Ja, unbedingt. Ich kümmer' mich darum.«

Um 19:30 Uhr sind Alle versammelt - also Alle, die etwas 'zum Mitreden haben' bei Rot-Weiße Heimat - der Präsident, der Kassier, der Sportliche Leiter sowie Johann und Josef. Franz Aberer, der Trainer, ist nicht eingeladen.

»Robert, sagst du uns bitte, was das für eine Aktion ist, mit dem Ünal«, eröffnet Josef heute bereits zum zweiten Mal ein Gespräch ganz ohne Umschweife.

Der angesprochene Robert, Vereinsobmann vulgo 'Präsident' nimmt einen Schluck vom Sommerspritzer, stellt das Glas vor sich wieder ab. »Ünal war uns zu teuer ...«

»... zu teuer?«, wiederholt Johann.

Robert bleibt still.

»Zu teuer, Robert? Wie kann der zu teuer sein, bei dem was der VIP-Klub zahlt?« Josef nickt schon die ganze Zeit heftig und springt seinem Freund bei.

Robert dreht sein eiskaltes Spritzerglas, wischt mit dem Daumen das aussen mit Kondenswasser beschlagene Glas ab, nimmt einen weiteren tiefen Schluck und stellt es wieder ab. Er versucht Zeit zu gewinnen.

Allen Anwesenden im Sportgasthaus ist klar, dass der VIP-Klub verantwortlich dafür ist, dass ein Spieler wie Ünal finanziert werden kann. Der VIP-Klub ist gleichsam ein Verein im Verein: Eine Gruppe von 65 langjährigen Zaungästen, Tendenz gleichbleibend bis leicht sinkend. Jährlicher Mitgliedsbeitrag von 200 Euro. Gestiftet für einen einzigen Zweck: die Zahlungen des VIP-Klubs sollten ausschließlich für Spielerkäufe zur Verstärkung der Kampfmannschaft gewidmet sein. Ausserdem sollte jedes Mitglied bei Sitzungen des VIP-Klubs jeweils ein Getränk gratis auf Vereinskosten erhalten.

To be continued.

(Anmerkung: Alles, was ich im Vergleich zur Realität ändern muss, erfolgt aus einem Augenzwinkern heraus, zum Schutze der Identität und Sicherstellung der Bestimmungen der DSGVO.)

© Stefan_Karl