Menestestoniten

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Menestestoniten | story.one

Wenn wir denn dürfen, werden meine Frau, meine Jungs und ich am Donnerstag ins Stadion gehen. In diesen verrückten Tagen weiß man das leider nicht so genau. Noch gehe ich mal davon aus. Also:

Wir gehen 'Europacupschauen'. Dann wird mich und uns unweigerlich ein Kindheitserlebnis meines Älteren beschäftigen, das sich im Hochsommer vor etwa 13 Jahren im 'Hof' unserer ersten Wohnung in Linz ereignete. Jo, mein Älterer war Kindergartenkind. Das Gebäude lag in Sichtdistanz zu unserer Wohnung - auf der 'anderen Seite des Hofes'.

Wobei der 'Hof' eine fast parkähnlich ausladende und von Genossenschaftswohnungen umbaute Fläche hatte - mit viel Rasengrün, Familien mit Kindern und kinderlosen Bewohnern mit viel Verständnis für die meist unüberhörbaren Kleinen. In dem Bereich, der dem Kindergarten zugewandt war, standen darüber hinaus zwei Mini-Fußballtore. Ein wunderbarer Platz für das eine oder andere Freundschaftsspiel.

Nun wollte es der Zufall, dass Jos 'Kindergartentante' die Mutter eines aufstrebenden Jungfußballers beim LASK war - Nik. Für mich als bekennenden, gleichermaßen leidenschaftlichen und leidgeplagten Fan war dieser Umstand natürlich mit ein Grund dafür, Jo so oft als möglich vom Kindergarten abzuholen um beim 'Abgeholt, Jo'-Gespräch die eine oder andere Insiderinformation über den Jungverteidiger und den Verein zu erfragen. Dass mein Älterer alsbald in einem schwarz-weißen, signierten Heimtrikot mit dem Spielernamen und der Nummer 3 am Rücken als Nik-Edelfan erkennbar war, versteht sich von selbst.

Diese Dress war für den kleinen Jo das wichtigste Ausstattungsstück für seine Fußballauftritte im 'Hof'. Nun muss ich eingestehen, dass mein Sohn damals von mir nicht ganz objektiv über König Fußball informiert worden war. In der Welt des Fünfjährigen stand Schwarz-Weiss auf einer Ebene mit dem weißen Ballet, der alten Dame, mit Barca und den Münchnern.

Der Zufall wollte es eines Sommertages, dass Jo und seine Freunde im 'Hof' kickten, während Nik seiner Mutter nebenan im Kindergarten einen Besuch abstattete.

Kurzentschlossen spielte Nik einige Bälle mit, als er Jo in seiner Dress sah. Unser damals schon neunmalkluger Spross sprach sein damaliges Idol am Ende der Partie - warum auch immer - direkt an:

»Du-hu? Hast du eigentlich schon mal gegen Menestestoniten gespielt?«

Allgemeine Ratlosigkeit bei den anwesenden Erwachsenen. In smartphone-freien Zeiten war der Begriff Menestestoniten vor Ort nicht zu dechiffrieren. Mennoniten ja, wenn's wer glaubt. Aber Menestestoniten?

Die Auflösung erfolgte erst abends, als ich mit Jo den Sportteil der Oberösterreichischen Nachrichten durchblätterte und ihm einige Artikel vorlas - auch über ein Trainingslager des englischen Traditionsvereins Manchester United.

Jo zeigte auf die Spieler in den rot Dressen und weißen Shorts: »Menestestoniten!« Na klar, Manchester United.

(Jetzt ist es fix, 10.3., 11.43h: Wir gehen nicht Europacupschauen.)

© Stefan_Karl