Er hat Eier

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Er hat Eier | story.one

Eigentlich wären wir heute früh auf Urlaub geflogen. Und meine Güte, was war ich bereit! Rasierte Haxn. Fast schon kitschig gefeilte Zehennägel. Zwei bummvoll mit Sommerzeug gepackte Koffer im Vorhaus.

Und dann: Die Info, dass man nicht mehr wegfliegen darf. Die Leute sollen coronabedingt lieber heim-, als fröhlich in der Gegend rumreisen. Ja eh. Aber: OIDA?!

Nun gut.

Wir haben also nix zum Essen daheim und fahren zu Spar, um Frühstück und was fürs Wochenende zu besorgen. Wie durch ein Wunder finden wir eine freie Parklücke, weil zigtausend Menschen Nudeln und Klopapier kaufen, als würden sie das abwechselnd und binnen weniger Stunden essen und wieder kacken müssen.

Ich versuche nicht zu sehr zu urteilen. Fake-News machen Menschen (und ja sicher, auch mir) Angst – und dass man nicht jeden Tag aus dem Haus gehen mag, verstehe ich.

Wir kaufen also, was die Hamsterer uns übrig lassen. Rotes Schwammerlpesto. Haltbares Vollkornbrot. Ingwerstreichkäse... Wir lassen quasi alles über uns ergehen. Als ich mir ein Glas Milch aus dem Tiefkühlfach nehmen will, überkommt mich dann aber doch das Unverständnis wie eine schäumend-rauschende Welle.

Ein junger Mann fährt mit einem randvoll gefüllten Wagerl Eier an mir vorbei. Es müssen mehr als sechzig gestapelte Packungen sein!!! Ich kann nicht fassen, was ich sehe und schaffe es einfach nicht noch länger, all die Eindrücke für mich zu behalten. „Kannst du mir bitte sagen, was mit dir los ist?“ frage ich also mit zusammengekniffenen Augenbrauen und unter metronomischem Kopfschütteln. „Viele andere Menschen - jetzt und später - brauchen vielleicht auch noch Eier?! Diese Ignoranz ist unmöglich. In solchen Zeiten wie gerade muss man doch sensibel sein und aufeinander acht geben!“ Ich bin noch nicht fertig und hole Luft. „Wann haben wir eigentlich angefangen, nur noch an uns selbst zu denken? Corona ist super! Wir alle werden sehen, dass vieles nicht wichtig ist, dass wir alle gleich sind und einander verdammt noch mal brauchen. Auch du mein Freund!%!“ Meine Schläfen pochen, meine Unterlippe vibriert und ich spüre wie ein Tropferl Speichel darauf zittert. Ich bin auf tausend und der (mittlerweile etwas verängstigte) Jüngling erstarrt.

Dann zeigt er ganz vorsichtig mit dem Finger auf das Logo seiner schwarzen Jacke. *SPAR* „Ähm... Ich fülle hier nur die Regale nach“, sagt er langsam und ruhig, ohne den Blick von mir abzuwenden. Ich brauche ein paar Sekunden. Und schäme mich dann bis aufs Bein. „Okay, danke", sage ich schließlich zu dem entspannten Helden. Er lächelt vergebend. „Na echt. Danke für deine Eier!"

© Steffi Schwarz