Il teatro grande - unser erster Schultag

  • 435
Il teatro grande - unser erster Schultag | story.one

Mein Bruder und ich hatten unseren ersten Schultag gemeinsam, in Neapel. Da wir altersmäßig nicht weit auseinander liegen, wurden wir gemeinsam eingeschult. Das war in Neapel 1976. Damals waren die Familien in Italien noch kinderreich und die Mammas üblicherweise alle bei den Kindern. Unsere Mutter war auch bei uns zuhause, mein Vater arbeitete unten am Hafen. Von unserem Wohnsitz auf der Via Manzoni konnte man hinunter bis am Hafen von Mergellina sehen, meine Eltern winkten sich jeden Tag in der Früh zu.

Wir Kinder waren ganz glücklich, die Mamma bei uns zu haben. Jeden Tag ein neues Abenteuer, das Meer, die Nonna und der Nonno, oder zu den Tanten mit ihren Kindern und Nachbarskinder, immer „missing in action“, sprich für Unterhaltung und Abwechslung war gesorgt.

Nun aber zur Schule. Mein Bruder hatte bereits ein Jahr davor privat eine Einschulung, er war so wissbegierig, dass er am liebsten schon mit fünf in die Schule gegangen wäre. Wir waren beide nie im Kindergarten, im Nachhinein kann ich sagen es hat uns nicht geschadet. Damals haben wir uns sehr gefreut, aber mein Bruder war nicht ausgelastet, immer in der ersten Reihe, der Stefi, ganz wie unser Vater. Mutter erzählte uns, dass wir nächste Woche unseren ersten Schultag hätten, sie erklärte uns alles und so waren wir beide voll der Vorfreude. Dann war es so weit, unser großer Tag war gekommen. Mit unserer Mutter fuhren wir in die Schule.

Doch oh Schreck, in der Schule spielte sich eine neapolitanische Tragödie ab. Überall weinende, schreiende Kinder, Mütter die verzweifelt versuchten ihre Söhne (diese werden in Italien nach wie vor, in den Himmel gehoben und dementsprechend verwöhnt) zu beruhigen, die meisten Mädels standen den Jungs aber um nichts nach. Wie Prinzessinnen lagen sie darnieder, klammerten sich krampfhaft an Mammas Beine und waren der Ohnmacht nahe. „Wo sind wir hier bloß gelandet?“, dachte ich mir.

Unsere Mutter versicherte uns, alles wäre in Ordnung, wir bräuchten uns nur daran zu halten, was die Frau Lehrerin sagt und in zwei Stunden würde sie uns wieder abholen. Mit diesem Versprechen war sie dahin. Sie verfolgte die Taktik "da müsst ihr durch" am besten mit dem besagten Sprung ins kalte Wasser. Wir waren erstaunt und verstanden nicht, warum all diese Kinder so ein Drama rund um den schönsten Tag in unserem jungen Leben machten. Nun standen wir da, hielten uns an den Händen (Mutter beobachtete uns nach wie vor etwas versteckt) rings um uns herum, lauter sterbende Schwäne, aufgrund dessen, beschlich mich dann doch das Gefühl, vielleicht hat uns die Mamma nicht alles gesagt. Ich schaute meinen Bruder an und sagte, ganz trocken zu ihm: "Stefano, adesso siamo perduti – Stefi, jetzt sind wir verloren!" Meine Mutter hörte das und musste aus ihrem Versteck heraus laut loslachen. Sie versicherte uns noch einmal, es wäre alles gut. So war es dann auch, die zwei Stunden vergingen wie im Flug und als Mutter wieder dastand, wussten wir, die Schule macht Spaß!

© Stelio Cotugno