Im Schatten des Vesuvs

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Im Schatten des Vesuvs | story.one

Wie so oft im Leben, ist nicht alles Gold was glänzt, ganz im Gegenteil es ist eher selten. So finden sich im augenscheinlichen Paradies, ebenso weniger schöne Seiten. Aufgrund meiner Familiengeschichte habe ich ein Gespür für solche Unebenheiten entwickelt. So fiel während meines einwöchigen Aufenthaltes der Blick auch auf die Kehrseite der Medaille, ich wusste worauf es ankam und die Zeichen zu deuten. Nach und nach sammelten sich Bilder, ich verstand plötzlich meine ambivalenten Gefühle und die Vorbehalte meines Vaters die irgendwie immer präsent waren in dieser Stadt. Als Kind und Jugendlicher war man geneigt von der Sonne und dem Meer geblendet zu sein, auch die Menschen vermochten vieles wieder wett zu machen, mit dem Alter lehrte einem jedoch das Leben auch dort hinzusehen, wo es nicht so hell und weniger schön, ob man will oder nicht.

Da ist z.B. Zio Enzo, er wurde gezwungen seinen Wohnort, den Bauernhof meines Großvaters zu verlassen, obwohl er nach mehr als dreißig Jahren längst ein Gewohnheitsrecht erworben hatte. Im Süden Italiens ist es nach wie vor so, dass jeder ein wenig seine eigenen Regeln erstellt und wer mehr Geld, der mehr Macht, auch wenn diese oft teuer erkauft. Vierzig Jahre nach dem Tod meines Großvaters taucht ein handschriftlich geschriebenes Schriftstück auf, das besagt, dass er Zio Enzo als seinen Nachfolger bestimmt, der somit nicht nur den Bauernhof erhält, sondern auch die Aufsicht und die Verantwortung für die herrschaftliche Villa mitsamt dem ganzen Grundbesitz übernimmt während die Erben jahrzehntelang um das Erbe streiten. Dieser Verantwortung sei er nun nicht nachgekommen. Mein Großvater 1900 geboren, war sein Leben lang ein armer Bauer und gar nicht in der Lage so ein Schriftstück aufzusetzen. Als Zio Enzo den Bauernhof übernahm, war er schon längst verstorben.

Weiter geht es auf unser »remember the days« Tour, hinunter nach Marechiaro, wo sich auch das viel besungene Fenster befindet, hier ein massiver Zaun, dort ein Zaun, da eine Videokamera, alles rechtswidrig aufgestellt und in Privateigentum. Unten bei den Fischerbooten entdecke ich eine tote Langhaarkatze, sie wurde der Länge nach harpuniert, ich sage nichts und hoffe, dass sie meine Tante und meine Großnichte nicht sehen. Das Fischrestaurant an der Ecke, deren Besitzer meine Tante von klein auf kennt, hat seinen Besitz mittlerweile auf alle Lokale vor Ort ausgeweitet, mit dem Geld der Mafia, wie wir später von meiner anderen Tante in Posillipo, hinter vorgehaltener Hand erfahren, nicht ohne mich zuvor lapidar mit dem Onkel wegzuschicken, damit ich nicht höre, was ich sowieso nur zu gut kenne.

Nach meiner Rückkehr aus Neapel war da eine Unruhe in mir, nun weiß ich was es war, nachdem sich der Rauch gelegt, war das, was darunter zum Vorschein kam mir nur zu gut bekannt (Flucht aus Neapel). Ich muss nicht alles verstehen, aber je älter ich werde, umso besser verstehe ich meinen Vater.

© Stelio Cotugno