Sehnsucht

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Sehnsucht | story.one

Anfang September, der Sommer war vorbei, fast. Ich war jung und wie so oft wollte ich nach Italien, mein Neapel und das Meer sehen. Abends, Wien Südbahnhof, der Zug setzt sich in Bewegung, früh morgens, Kaffee im Plastikbecher – Welten entfernt im Geschmack – vor meinen Augen ROMA Centrale. Von geschäftigen Treiben begleitet steige ich aus, gehe vor und kaufe mir die Republik (Zeitung La Repubblica), suche den Zug nach Neapel. Bahnsteig zehn, der Zug steht bereit, obwohl er erst in einer Stunde fährt. Die Klasse tut nichts zur Sache, will heißen dem Schaffner egal, gleich was mein Ticket sagt. Anfang der Neunziger hatten diese Züge alle einen seltsam anmutenden Duftpotpourri bestehend aus Landluft, erdigen Tönen gemischt mit Maschinenfett, Schweiß und einer Prise Salz vom nahen Meer. Bemerkenswert anders und einprägsam, über die Jahre abgespeichert, liebgewonnen und mit Abenteuer gleichgesetzt.

Napoli Stazione Centrale – Mittag – die Sonne brennt, suche mir ein Taxi. Es folgt ein beliebtes Spiel bei unserer Familie damals, ich mime den ahnungslosen Touristen, sage:“Porto, Nave, Ischia“ er will fünfzig Euro, no grazie, stell mich in den Schatten und warte. Alsbald kommt ein anderer Fahrer, lasse meine Maske fallen und auf neapolitanisch vereinbaren wir zwanzig Euro für die kurze Strecke.(merke: nie das erste Taxi nehmen) Am Hafen angekommen, entscheide ich mich bei der „IMBARCAZIONE“ spontan für die langsame Variante mit der Fähre, als Reminiszenz. Langsam und genussvoll, das nennt sich vacanze. Mit dem Duft des Meeres in der Nase, der Sonne im Gesicht und dem unvergleichlichen Panorama voll intensiver Farben, lassen wir den Golf von Neapel hinter uns. Nach einer Stunde erreichen wir Ischia Porto, mit dem APE Taxi nach Ischia Ponte wo am Steg bereits Aldo, sein Sohn Gianni und Rudi der Hund wartet.

Alle drei begrüßen mich, wie den verlorenen Sohn und sofort fühle ich mich als Teil der Familie und nicht als Gast. Mit dem Boot fahren wir die kurze Strecke vorbei an der Festung „Castello Aragonese“ während Rudi vorne am Boot seinen Blick gebannt in das glasklare Wasser wirft. Aldo sagt, er liebt es mit dem Boot zu fahren. Am Bootssteg angekommen wartet schon Francesco sein älter Sohn, wir umarmen uns und er nimmt mir mein Gepäck ab. Direkt am Strand, ein paar Stufen hinauf zur Terrasse wartet der Rest der Familie auf mich, Maria, Aldos Frau die mit seinem Bruder Ciro in der Küche steht, Ciro Vollbart, braungebrannt einen dicken dicht behaarten Bauch vor sich, begrüßt mich innig, das nenne ich ein Empfangskomitee! (das ist der Vorteil, im September, da haben alle mehr Zeit und man wird Teil der Familie.) Hans der zweite Hund kommt aufgeregt und wedelnd hinter der Eisbar hervor, nein er ist wasserscheu und liebt die Küche, erklärt mir Ciro. Oben angekommen, mein Zimmer, mit Balkon und Blick auf die Festung. Die Sehnsucht und Leidenschaft mit der sich diese Reise tief in mein Herz grub, spiegeln sich in meinen Geschichten hier wider.

© Stelio Cotugno