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Zio Carlos letzter Zug

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Zio Carlos letzter Zug | story.one

Zio Carlo ist sein Leben lang, bei der Bahn gewesen. Solange ich mich erinnern kann, habe ich nur positive Erinnerungen an ihn. Er war ein sehr korrekter Mann, geduldig, manches Mal penibel, aber er war immer da, wenn man ihn brauchte!

Bei ihm hatte alles seine Ordnung, er war prädestiniert für den Dienst bei der Eisenbahn und er liebte seine Züge! Zio Carlo liebte das Meer, er konnte stundenlang schnorcheln und er aß für sein Leben gern. Er liebte auch die österreichische Küche. Er war von kleiner Statur, schlank und doch konnte er eine Menge essen. Nach dem Mittagessen sagte er immer, er geht jetzt Zeitung lesen, das hieß, dass er sich in seinen großen Ohrensessel zurückzog und eine Stunde schlief.

Zio Carlo war der Mann von der Zia Anna, der Schwester meines Vaters. In jungen Jahren war er für meinen Vater ein elterlicher Freund geworden, wie ein großer Bruder, beide stammten aus einfachsten Verhältnissen, die im Laufe ihres Lebens mit Willen und Ehrlichkeit es doch zu etwas gebracht haben.

Die letzten Jahre bei der Bahn hat er Zugführer unterrichtet. Er liebte seine Bahn! Im Sommer, wenn die Familie ans Meer fuhr, mieteten sie ein Haus, aber die Bahn war immer in der Nähe. Auch beim Wohnort, immer war die Bahn in der Nähe. Die "Circum Vesuviana", die Bahn, die rund um den Vesuv und bis nach Sorrent fährt. Ich erinnere mich an Ercolano, dann Torre del Greco, so viele Erinnerungen… Sein schlurfender Gang mit den Hauspantoffeln, seine ruhige Art, wenn er einem als Kind etwas erklärte.

Ich erinnere mich, als Sie einmal bei uns zu Besuch waren, wir wohnten noch am Sportplatz. Ich war in etwa zwölf Jahre alt und schon einen Kopf größer wie er. Groß und kräftig. Er sah mich an und sagte zu mir, ich könnte doch Kugelwerfer oder Diskuswerfer werden, da bräuchte man viel Kraft und Schwungmasse. Anstatt zu sagen, vielleicht wäre ich zu dick, dachte er typisch neapolitanisch, immer das Beste aus dem was man hat herausholen.

Als wir in den Achtzigern das erste Mal per Bahn nach Neapel fuhren, kam er eigens hinauf um uns abzuholen. Er erklärte einem immer alles ganz genau, welcher Zug um wie viel Uhr von welchem Gleis fährt und was man tun sollte, im Fall der Fälle, sollte doch alles anders sein. Wie mein Vater, lieber viel zu früh als einmal zu spät, so etwas schafft Vertrauen und bleibt in Erinnerung. Heute ist sein letzter Zug gefahren. Addio Zio Carlo e salutami a papà… Leb‘ wohl, Zio Carlo und grüß mir Papa…

© Stelio Cotugno 17.10.2019

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