Erste Schultage in Manhattan

„Keine Katze hat sich damals um uns gekümmert“. So beschreibt Trudy ihre erste Schulerfahrung im Manhattan des Jahres 1939. „Ich war ein scheues Kind. Es hat sich herausgestellt, mein Englisch hat nicht existiert. Sozialarbeiter und Schulpsychologen gab es damals nicht.“ Trudy stammt aus einer nicht-religiösen jüdischen Wiener Bankier-Familie, die 1939 von Wien nach New York emigrierte, nachdem der Großvater monatelang im Konzentrationslager Dachau interniert gewesen war. Trudis engste Schulfreundinnen sprachen damals plötzlich nicht mehr mit ihr und sie wurde schließlich nur mehr zu Hause unterrichtet. Auch die Nachbarskinder wandten sich von ihr ab. Noch heute wird sie traurig, wenn sie darüber erzählt.

Tudy ist heute 93 Jahre alt und lebt in New York City im Stadtteil Manhattan. Sie ist Künstlerin und Photographin und trägt häufig große selbstgemachte Schmuckstücke und lange bunte Röcke. Deutsch spricht sie regelmäßig und fließend und mit Österreich ist sie nach wie vor sehr verbunden.

Trudys Schulbeginn als gerade in New York angekommenes Flüchtlingskind war äußerst schwierig. Sie wurde gleich nach ihrer Ankunft in eine New Yorker Grundschule geschickt, wo sie mit viel jüngeren Kindern zusammen war, damit sie zunächst die Sprache erlernen konnte. Der erste Schultag war „entsetzlich“. Am zweiten Tag ereignete sich ein Wunder, an das sie sich noch heute gerne erinnert:

”Plötzlich hat eine Glocke geläutet und alle sind in alle Himmelsrichtungen verschwunden. Und ich bin weinend in irgendeinem Stiegenhaus gesessen. Ich sehe mich noch auf den Stufen sitzen. Am zweiten Schultag hat sich ein Wunder ergeben: neben mir, ganz direkt neben mir, saß eine Puerto-Ricanerin, die konnte nur Spanisch. Ich sehe mich noch, wie ich mit ihr Hände gehalten habe, und dann war alles ok. Ich war nicht mehr ganz alleine. Und ich denke immer wieder daran, was das für ein Wunder war.“

Vor kurzem hat Trudy ihrer alten Schule auf der Upper West Side in Manhattan einen Besuch abgestattet. Sie wurde von der Direktorin herzlich begrüßt, fast wie eine Berühmtheit, und hat mit 10-jaehrigen Schülerinnen und Schülern über ihre Erfahrung als Überlebende des Holocaust und ihre ersten Schultage in New York geredet. Die Schüler schrieben ihr danach Dankesbriefe und zogen Parallelen zu ihren eigenen Familiengeschichten, wie beispielsweise die Flucht eines Großvaters aus Wien mit einem Kindertransport im Jahr 1938, eine Flucht vor den Nazis nach Israel oder aus Asien vor dem koreanischen Krieg. Auch die Tatsache, dass Trudy in dieselbe Schule wie sie gegangen war, faszinierte die Schüler.

Zum Abschied erhielt Trudy als Dankeschön eine kleine Trinkflasche mit dem Logo der Schule und einen Blumenstrauß. Für die zehnjährigen Schüler war ihr Besuch der Höhepunkt des Schuljahres. Für die dreiundneunzig-jährige Trudy schloss sich mit dem Schulbesuch ein bewegender Kreis der Erinnerung.

© Stella Schuhmacher