Brüno, der Bär

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Brüno, der Bär | story.one

Ein Schattenspiel. Auf dem Flachdach die Silhouette eines Zwei-Zentner-Mannes vor hellgrauem Himmel. Der dünne Stiel in seinen massigen Händen wirkt wie ein Streichholz. Zumal der Stiel des Bodenwischers zwei Stiele lang ist. Mit Klebeband zusammengetapet. Damit der Wischer bis in die Ecken des Vordachs reicht, das er gerade säubert.

„Hallo Bruno! Wie geht’s Deinem Knie?“ rufe ich hoch.

Bruno spricht sich „Brüno“. Er ist Franzose. Stammt aus der Loire-Gegend bei Tours. Ist gelernter Koch und hat viel im Bau gearbeitet. Brüno kann fast alles. Deshalb wird Brüno gerne von den Hausbesitzern im Viertel engagiert. Als Maurer, Gärtner, Elektriker oder Putzmann. Schwarz, versteht sich. Brüno übernimmt alles. Wahrscheinlich ist er auf jeden Job angewiesen. Er erledigt jede Arbeit mit größter Geduld und liebenswerter Freundlichkeit.

„Dankö! `eute geht es ganz gut! Isch `abe mähr Schmerzen, wenn es schwül ist!“ sagt er mit exakt jenem charmanten französischen Akzent, den man aus der Werbung kennt, wo eine erotische Frauenstimme lispelt, wie schön "Schöffer’ofer Weizen" in ihrem Bauchnabel kribbelt.

Das klingt lustig mit Brünos tiefem Bass, der mich an den gutmütigen Bären Balu und sein Lied „Probiers mal mit Gemütlichkeit“ erinnert. Seinen Motorroller hört man fast täglich bei Nachbarn vorfahren. Bei jedem Wetter. Die Vespa wirkt unter Brünos Körpermasse wie ein winziges Spielzeug. Auf dem Roller mit selbst gezimmertem Anhänger schafft er vom Baumarkt alles nötige Material ran.

Eine ganze Weile blieb Brüno aus. Als er wieder auftauchte, fragte ich ihn warum.

„Isch `atte einen Unfall! Äs regnete. Isch bin Kindärn ausgewischen. Und dann in den Straßenbahnschienen ‚ängen geblieben.“

Brüno erzählte, wie er auf der nassen Fahrbahn ausgerutscht und sein Bein unter den Motorroller geraten sei. Er habe vor Schmerzen nicht mehr alleine aufstehen können. Die Kinder seien weg gelaufen. Es war Berufsverkehr. Niemand habe angehalten. Vermutlich haben alle den massigen, schweren Mann für einen Betrunkenen gehalten.

„Als isch die Straßenbahn kommen sah, musste ich aufste´än. Isch `abe misch auf den Roller ge´ieft und bin noch nach `ause gefahren.“

Am nächsten Tag sei das Knie dick wie ein Baumstamm gewesen. Grün und blau bis zum Knöchel. Das Krankenhaus habe ihn gleich da behalten. Eine Woche hätte die Schwellung gebraucht, um so weit zurückzugehen, dass sie ihn operieren konnten. Schrauben und Drähte fixierten jetzt sein Knie und eine Metallplatte sein Schienenbein.

„Es fühlt sisch ganz seltsam an: Wenn isch misch stoße, merke isch nichts!“ erklärt er mir.

Man sieht seinem Gesicht an, dass der Schrecken ihm noch jetzt Monate später in den Knochen steckt. Buchstäblich. Offenbar lebt er alleine. Nicht auszudenken, wenn er nicht mehr auf die Beine gekommen wäre.

„Isch durfte nischt aufträten. Abär trotdem `habe isch nach sechs Wochen wiedär auf dem Roller gesässen!“ fügt er stolz hinzu.

Er hatte wohl keine andere Wahl.

© Stella 11.05.2019