Das Auge Gottes

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Das Auge Gottes | story.one

Sie wollten zelten. Irgendwo in Spanien unterhalb von Girona am Meer. Als sie in L‘Escala ankamen, empfing sie drückende Schwüle. Im Zelt war es kaum auszuhalten. Der Strand war verdreckt und voll von randalierenden Jugendlichen. Und in den Läden gab es hauptsächlich Schnaps.

Gleich in der ersten Nacht brach ein Gewitter los, als ginge die Welt unter. Wie konnte er nur dabei schlafen? Das Wasser drohte bereits über die Wassersäule des Zeltbodens zu schwappen. Als sie aus dem Zelt schaute, sah sie, dass die Räder ihres Twingos schon bis zur Hälfte unter Wasser standen. Sie erschrak. Der Campingplatz lag in einem Flussdelta. Noch vor einigen Tagen hatten sie von abgesoffenen Campingplätzen in der Region gelesen.

„Wach auf!“

Draußen standen sie bis über beide Knöchel im Wasser. Der Versuch, das Zelt mit einem Graben vor Überschwemmung zu retten, war sinnlos.

„Wir müssen hier weg.“

Sie stiegen ins Auto. An der Rezeption wollte sie der Nachtwächter aufhalten. Aber sie fuhren einfach weiter. Quer durch die überschwemmten Flussauen. Endlich sahen sie ein paar Häuser. Fuhren mit dem Auto einen Hang hinauf. Und hielten an. Sie waren sich einig:

„Die Nacht bleiben wir erstmal hier.“

Als sie am nächsten Morgen zum Campingplatz zurückkamen, begrüßte sie im Vorzelt eine fette Kröte. Und Es wimmelte nur so von Mücken. Sie war entnervt.

„Das ist die Hölle! Welcher Teufel hat uns nur geritten, am Mittelmeer zu campen? Ich will hier weg. Noch heute.“

„Okay, dann kehren wir um“, schlug er vor.

„Nein, wir fahren erst mal zurück nach Frankreich. Unterhalb von Narbonne ans Meer. Dann sehen wir weiter.“ entgegnete sie.

Als sie im französischen Küstenort Gruissan ankamen, wussten sie auf Anhieb, dass sie bleiben würden. Der Intermarché war üppig gefüllt. Der Strand schien bis zum Horizont zu reichen. Der Tramontana fegte eisige Luft von den Bergen aufs Meer. In der Ferne die Pyrenäen. Der Gipfel des Canigou noch im Schnee.

Und direkt hinter der Küste war ein kleines, von Weinfeldern durchzogenes Gebirge, aus dem abends der Geruch von wildem Thymian und Rosmarin herunter wehte.

Sie entdeckten einen zugewachsenen Pfad, der einen schmalen Bachlauf entlang führte. Er war durch den starken Regen gut gefüllt. Sie stiegen über das gluckernde Wasser hinweg, das sich im Oberlauf in Steinbecken sammelte, in denen zu ihrer großen Überraschung sogar Fische schwammen. Zwischen den Felswänden wuchsen Pinien, Eichen und jede Menge Büsche blühten.

„Alles ist da, auf kleinstem Raum! Das Meer, die Berge, die Bäche und Weinfelder, springende Fische. Die Möweninseln, die rosa Flamingos, die nachts schreiend über unsere Köpfe fliegen. Und dann diese Weite und das leuchtende Licht …“

Der Ort schien ihnen wie die Schöpfung im Mikrokosmos. Genau hier musste es sein: das Paradies auf Erden. Kein Wunder also, dass der winzige See, der sich mitten in dem kleinen Gebirge versteckte, den Namen „Auge Gottes“ trug.

© Stella 11.04.2019