Das widerspenstige Mädchen

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Das widerspenstige Mädchen | story.one

Es war einmal ein kleines Mädchen, das wollte unbedingt geliebt werden. Zuwendung war Mangelware. Denn die Eltern mussten ihre Liebe auf fünf Kinder aufteilen. Und da sie die Jüngste war und ihre älteren Geschwister viel Aufmerksamkeit beanspruchten, lief sie die meiste Zeit einfach so mit. „Das ist ungerecht!“ fand sie. Und beschloss, sich zu holen, was ihr zustand.

Einmal organisierten die Eltern ein Ferien-Zeltlager für Jugendliche in Bayern. Ihre Kinder nahmen sie mit. Das war praktisch. Doch die Jüngste war ja kaum ein Jahr alt und konnte gerade erst laufen. Also entschied man, sie zu Hause zu lassen; in der Obhut ihrer Patentante. „Das ist ja wohl die Höhe!“ dachte die Kleine und schrie, als ginge es um ihr Leben. Ihr lautstarker Protest muss bis Bayern zu hören gewesen sein. Denn es überzeugte die Eltern, sie doch noch ins Zeltlager zu holen. Übergabe des widerspenstigen Kleinkinds war Rastplatz Steigerwald.

„Das lässt sich ausbauen!“ dachte die Kleine. Als sie ungefähr drei Jahre alt war, fuhr die Familie nach Spanien. Die Kinder mit der Mutter im Fernbus. Der Vater mit dem Ford Konsul. Am Urlaubsort schrabbte der Auspuff über eine Wurzel. Für die geniale Idee, das Loch provisorisch mit Kaugummi zu reparieren, kauten Kinder um die Wette. Was für ein Spaß! Am Strand gab es Tretboote. Der Vater fuhr mit den Brüdern aufs Meer. „Ich will mit!“ dachte das kleine Mädchen. Sie paddelte gerade mit ihren knallroten Schwimmflügelchen im seichten Wasser. Die Tretboote waren eben noch zu sehen. Wild rudernd nahm sie die Verfolgung auf. Alleine. „Geschafft!“ Das Mädchen strahlte. Sie war weit ins tiefe Wasser hinaus geschwommen. Als der Vater sie sah, rief er: „Ach, du Schreck!“ Die Kleine hing nur noch so gerade eben mit einem Schwimmflügelchen über Wasser. Das andere hatte unterwegs die Luft verloren.

„Lass miss! Iss mag das niss!“ war der Kampfruf des kleinen widerspenstigen Mädchens im Italienurlaub. Damit wehrte sie sich gegen die Umarmungen. Die italienischen Freunde der Eltern konnten die Vierjährige nicht genug herzen. Um etwas Ruhe von den kinderlieben Italienern zu haben, ließ sie sich von den Eltern gerne auf den umzäunten Strandspielplatz bringen. Da wurde es ihr aber dann auch schnell wieder langweilig. Einmal machte sie sich deshalb mutterseelenallein auf den Weg zurück zu den Eltern. Allerdings in Gegenrichtung. „Wo sind sie denn nur? Die Sonnenschirme sehen alle gleich aus!“ Tränen liefen über ihre Wangen. Sie stolperte weinend zwischen den dicht an dicht gestellten Schirmen vorbei. Immer weiter den Strand hinab. Die Italiener wollten helfen und redeten wild auf sie ein. Sie verstand kein Wort. „Lass miss! Iss mag das niss!“ Schließlich übergab man das kleine Mädchen einem Polizisten. Sie ließ sich, ganz gegen ihre Art, widerstandslos auf den Sozius seines Motorrads setzen und zu den Eltern zurückbringen.

Daran erinnert sich das große Mädchen noch ganz genau. Widerspenstig sei sie geblieben, sagt man.

© Stella