davongekommen

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davongekommen | story.one

Wir kamen einfach nicht hier weg von dieser vielbefahrenen Ausfallstraße aus Bayonne, durch die quasi jeder fahren musste, der über die spanische Grenze nach Frankreich kam, nur keiner, der uns beide mitnehmen wollte, alle fuhren vorbei und ließen uns am Straßenrand vor der grauen Häuserwand in den Abgasen stehen, Auto um Auto, eine ununterbrochene Schlange, bis es Mittag war, und wir standen immer noch da.

Gerade mal achtzehn, unterwegs mit einem Freund, mit nichts als einer schwarzen Leinentasche, wie man sie zum Schwimmen mitnimmt, mit zwei schmalen Trageriemen, die ich mir wie einen Rucksack über die Schulter streifte. Kaum was darin als einen sehr dünnen leichten Schlafsack aus Polyester, der gerade mal als Picknickdecke getaugt hätte, nicht aber, um damit direkt auf dem Beton zu schlafen, wie wir im Bahnhof von Bilbao vorgehabt hatten, auch, wenn es warm, weil August war. Außer ein, zwei T-Shirts, Unterhosen, einem Pullover, einer Jacke und vielleicht einer langen Hose. Mehr nicht. Möglicherweise noch eine Zahnbürste und irgendeine Seife, mag sein, ja, höchstwahrscheinlich sogar.

Er hieß Holzapfel und war Ire, der uns endlich mitnahm, uns mit irischem Akzent auf Deutsch begrüßte und zwei Bände seiner Limericks schenkte. Auf einer Überlandstraße zwischen Pau und Tarbes ließ er uns wieder hinaus, wir wollten weiter nach Toulouse.

Ich setzte mich in das Wartehäuschen an der Bushaltestelle, mit nichts als einem Badehöschen und einem bunt geringelten T-Shirt, während mein Freund im Gasthaus pinkeln ging, und wärmte mich in der Abendsonne, die mir auf die nackten Beine schien, saß da und wartete auf meinen Freund, um wieder den Daumen rauszustrecken, damit wir noch vor der Dämmerung fortkommen, irgendwohin, wo wir übernachten könnten, als ein Auto anhielt.

Es war eine viel befahrene Straße, der Fahrer öffnete die Beifahrertür und winkte mich zu sich, er fragte in schlechtem Englisch, wo ich hin wolle, ich warte auf meinen Freund, sagte ich, er legte eine Straßenkarte auf den Beifahrersitz, zeigte mit seinen Händen auf verschiedene Städte und ich sah, wie er zitterte und seine Augen an mir herunterwanderten, sah, wie er sich immer mehr zu mir beugte und fahrig hineinwinken wollte in sein Auto, bis ich zurückwich, die Tür zuschmiss und mich verschreckt zurücksetzte in das Wartehäuschen auf die Bank, wo ich sah, wie er davon fuhr, und dann noch sah, dass er erneut an mir vorbei fuhr, diesmal in Gegenrichtung, und ich sah, wie er seinen Kopf zu mir wendete mit einem Blick wie ein Tier, das seine Beute fixiert.

Mein Freund, als wir uns Jahre später daran zurück erinnerten, sagte mir, er habe immer noch das Bild vor Augen, wie er aus dem Gasthaus gekommen sei, wie er mich da sitzen gesehen habe, auf der Bank in dem Wartehäuschen an der Bushaltestelle, mit nichts als einem Badehöschen und einem bunt geringelten T-Shirt, bleich auf ihn wartend und auf die vorbei fahrenden Autos starrend, im Licht der untergehenden Sonne.

© Stella