Der fliegende Büstenhalter

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Der fliegende Büstenhalter | story.one

„Ah so!“ sagte sie. Bei „so“ hob sie die Stimme immer so hoch an, dass ich lachen musste. „Ah so!“ hieß bei ihr „So ist das also!“ oder „Ich bin einverstanden!“, aber auch „Ich versteh‘ Dich nicht ganz!“ Suyan kam aus dem Irak und sprach nur wenig Deutsch. Ihr „Ah so!“ klang immer ein wenig überrascht und verwundert. Und ich wusste nie, ob oder wie viel sie von dem verstand, was ich sagte.

Als Suyan nach der Frühgeburt ihrer Zwillinge vom Nebenbett aus mit ihrer Mutter im Irak telefonierte, weinte sie sehr. Wir lagen im gleichen Zimmer auf der Station für Frühchen-Mütter. Sie gestikulierte am Telefon und deutete mit der rechten auf ihre linke Hand, um zu zeigen, wie winzig ihre beiden Mädchen zur Welt gekommen waren: nur etwa so groß wie ihre ausgestreckte Hand, von der Fessel bis zu den Fingerspitzen. Ich nahm sie in den Arm.

Von da an schloss Suyan sich mir an. Mir war das nicht unbedingt angenehm. Wir konnten unterschiedlicher nicht sein. Sie war vielleicht halb so alt wie ich, hatte aber schon eine kleine dreijährige Tochter. Suyan war impulsiv, und sie litt lautstark unter ihren wohl schweren Nachwehen. Laufend rief sie nach den Krankenschwestern, verlangte Kirschkernkissen oder andere Kleinigkeiten. Als ich meinem Unmut bei den Schwestern Luft machte, baten sie mich seufzend, Geduld mit Suyan zu haben. Alles sei überbelegt.

Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Obwohl ich wusste, dass Suyans Bauchweh wohl nicht nur von der Geburt herrührte. Ihr Mann, der in Wesseling einen Kiosk betrieb, brachte ihr regelmäßig Döner ans Krankenbett. Mit viel Krautsalat und Knoblauch. Weil Suyan außerdem so unter der sommerlichen Hitzewelle stöhnte, besorgte ihr Mann einen großen Stand-Ventilator, von dem ich auch profitierte.

Nachmittags stand die Sonne direkt auf unserem Zimmer, der Ventilator schnurrte unentwegt, und wir legten heimlich die Thrombose-Strümpfe ab. Was natürlich strengstens verboten war. Wir schwitzten, unsere Wechselwäsche wurde knapp und wir wuschen Unterwäsche und Still-BHs im Waschbecken aus.

„Ah so!“ sagte Suyan und staunte, als ich meinen BH mit den Bügeln zum schnelleren Trocknen über den Ventilator streifte. Wir lachten beide Tränen, als wir sahen, wie sich die Körbchen im Luftzug aufbauschten und der luftgefüllte BH vor dem Ventilator zu schweben schien.

Als sie sich von mir verabschiedete, reichte sie mir einen kleinen ausgerissenen Zettel, auf den sie noch schnell „Suyan“ und ihre Telefonnummer notiert hatte. Um sich um ihre kleine Tochter zu kümmern, wollte Suyan rasch nach Hause. Ihr Zettel ging leider verloren, bevor ich mich bei ihr melden konnte.

Suyan und ihr charmant vieldeutiges „Ah so!“ sind in meinen "inneren Wortschatz" eingegangen. Jedesmal sehe ich sofort den vom Ventilator aufgebauschten BH vor meinem geistigen Auge flattern. Und muss unwillkürlich lächeln.

© Stella 14.04.2019