Der Waldläufer

Es war gar kein Knöllchen! Sondern ein Zettel: „Es war schön, Sie zu kurz kennenzulernen! Wollen Sie einmal gemeinsam spazieren? Bernhard." Stand auf dem ausgerissenen Stück Papier mit Handynummer unter der Windschutzscheibe.

Beim Loslaufen vom Waldparkplatz hatte sie sich kurz zu dem Mann mit hellbraunen Pyrenäenberghund umgedreht. Gewundert hatte sie sich über den großen Spaziergänger mit wirrem Haar, etwa zehn Jahre älter als sie, der nicht in diesen Wald passen wollte. Er wirkte wie ein Stadtmensch, der sein Frühstück in Cafés zu sich zu nehmen pflegt und gerne ausgeht. Er hatte ihr noch einen schönen Tag hinterher gerufen, bevor sie im dichten Nebel verschwand.

Okay, dachte sie. Warum nicht? Sie verabredeten sich. Am vereinbarten Tag war starker Sturm angekündigt. Es wurde vor Waldspaziergängen gewarnt. Sie trafen sich am Waldparkplatz und gingen trotzdem los. Der Weg lag zwar, geschützt von einem Hügel, im Windschatten. Aber die Bäume knarzten und ächzten bedrohlich.

Vom ersten Satz an war klar: Bernhard war einer jener Geschichtenerzähler und Überlebenskünstler vom Typ der fahrenden Händler auf dem Jahrmarkt, die als Alleinunterhalter Scharen von Menschen um sich versammeln, um ihnen als Verzauberer des Alltäglichen Billigware als Wunderdinge zu verkaufen. Mit stimmlicher Präsenz und weit ausholender Gestik.

Bernhard musste gerade aus der Großstadt aufs Land ziehen. Weil die wohlhabende Schwester in sein Stadthaus erst ihren Sohn einquartiert hatte, um jetzt das Haus ganz für sich zu beanspruchen. Die Mutter hatte es Bernhard vermacht, aber der Tochter überschrieben. Wohl, um es vor seinen Bankrotten zu schützen.

Bernhard hatte schon einmal ein Theater gegründet, eine Kneipe gehabt und wollte sich als Liedermacher selbstständig machen. Jetzt lebte er davon, Mode-Trends auskundschaften, um sie billiger in China nachnähen zu lassen und an Warenhausketten zu verhökern.

Es flogen schon Äste um sie herum, als er ihr erzählte, er sei ein Baum-Flüsterer. Die Bäume würden mit ihm reden. Das sei genauso wundersam wie die Kapelle, die ihm als Deserteur auf der Flucht vor dem Wehrdienst den Weg gewiesen hätte vor Jahrzehnten. Als er sie jetzt wieder aufsuchen wollte, habe er sie nicht wiedergefunden.

Bernhard lud sie ins Wald-Gasthaus ein, wo er sich großzügig ein Frühstück und Extra-Schinken für den Hund bestellte. Als die Rechnung kam, fingerte er ein paar zerknitterte Pfundnoten aus der Hosentasche und fragte, ob er auch damit zahlen könne.

Auf dem Rückweg hatte der Sturm noch zugelegt. Schwere Äste waren heruntergebrochen. Bernhard lief ungerührt durch das ohrenbetäubende Tosen, als flaniere er auf einer Promenade an der Riviera.

„Die Straße waldabwärts ist sicher gesperrt. Ich fahre oben rum.“ sagte sie.

„Ach was! Das ist doch völlig ungefährlich!“

Im Autoradio hörte sie die Meldung vom frisch auf diese Waldstraße umgestürzten Baum. Es blieb ihr erster und letzter gemeinsamer Spaziergang.

© Stella