Desigual

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Desigual | story.one

Eigentlich mag ich Büffet nicht besonders. Aber einen Vorteil hat es. Jeder Gast ist gleich. Keine Unterteilung in Deluxe- oder Basic-Menschen. Jeder nimmt, was und wie er es gerne mag und so viel, bis er satt ist.

Der Raum ist klein. Gerade einmal sieben Tische stehen hufeisenförmig rund um das Büffet. „Sieben Euro fünfzig inklusive Getränk“, sagt eine junge Frau und lächelt. Irgendetwas an ihr wirkt ungelenk. Ich rätsle über die schlichte Art, mit der sie redet.

Wir setzen uns vors Fenster. Nach kurzer Zeit wird ein Mann hereingeschoben. Sein Rollstuhl ist mit Stützen und Polstern auf seinen verformten Körper angepasst. Sein Kopf ist, trotz Kopfstütze, auf die Brust gekippt. Auf die Frage, ob wir ihm Platz machen sollen, zeigt die Frau hinter dem Rollstuhl freundlich auf seinen Stammplatz. Dort steht auf der Tischplatte noch ein Tablett-Tischchen, wie man es beim Frühstücken im Bett verwendet. Es ist exakt so hoch, dass der Mann im Rollstuhl seinen Kopf auf das Tablett legen kann.

Weitere Männer werden in ausladenden Rollstühlen an den Tisch gefahren. Ein Mann, der ein wenig wackelig geht, setzt sich hinter die am Tisch Sitzenden mit dem Rücken zum Fenster, dreht sich auf seinem Stuhl hin und her und sieht uns unverwandt an. Die Männer mit verschiedenen Beeinträchtigungen werden von einer Handvoll Betreuerinnen begleitet.

Die meisten sind nicht in der Lage, selbstständig zu essen. Eine fremde Mitarbeiterin hilft spontan nach ihrem Mittagessen beim Füttern. Als sie einem schwer beeinträchtigten Mann mit Down-Syndrom den Löffel an den Mund führt, beginnt er stark zu husten. Augenscheinlich, weil sie mit seinen Essgewohnheiten nicht genug vertraut ist. Sofort übernimmt eine der Betreuerinnen, die ihn gut kennt. Er isst weiter, ohne sich zu verschlucken. Keiner kann sprechen. Aber man spürt, dass die Männer das gemeinsame Essen genießen.

Was absolut unmöglich schien: Der zuerst in den Raum geschobene Mann mit den verdrehten Gliedern und dem gekippten Kopf isst selbstständig! Plötzlich wird auch der Sinn des Tablett-Tischchens klar. Der Teller steht genau so vor seinem seitlich auf dem Tablett platzierten Kopf, dass er sich selbst mit der Gabel das Essen direkt vom Teller in den Mund schieben kann. Was ihm zu meinem großen Erstaunen mit unglaublicher Geschicklichkeit und Langsamkeit vollständig ohne jede fremde Hilfe gelingt.

„Wie viel Vertrauen muss man in die Fähigkeiten dieses in so vielen Dingen eingeschränkten Mannes haben, um ihm das selbstständige Essen zuzutrauen? Wie viel Einfallsreichtum muss man besitzen, um ihm diese Konstruktion zu basteln, die ihm das möglich macht? Wie viel Geduld muss man aufbringen, um die Langsamkeit zuzulassen, mit der dieser Mann zu essen in der Lage ist?“ frage ich mich.

Eigentlich mag ich Büffet nicht besonders. Aber einen Vorteil hat es. Jeder Gast ist gleich. Keine Unterteilung in Deluxe- oder Basic-Menschen. Jeder isst, wie er kann und mag und so, wie es für ihn passend ist.

© Stella 26.12.2019