Downing Street

Es hatte etwas von Downing Street. Das gediegene Haus in der noblen Häuserzeile oberhalb des Hyde Parcs. Ich war vierzehn, als ich dort eine Woche wohnen durfte. Bei der Freundin und ehemaligen Englisch-Dozentin meiner Mutter. Sie hatte einen Diplomaten geheiratet und war mit Mann und zwei Töchtern nach London gezogen.

Mittelpunkt des Hauses war ein repräsentativer Dining Room, in dessen Zentrum ein großer ovaler Holztisch stand. Umrahmt von geschmackvollen antiken Möbeln. Ein würdevoller Raum, in dem man diplomatischen Besuch empfangen konnte.

An den Wänden hingen goldgerahmte Gemälde und Porträts von Ahnen des Hausherren. Ein unauffälliger kleiner hagerer Mann mit Schnäuzer und dunklem Haar und irgendwie geheimnisvoller düsterer Miene. Der, die meiste Zeit über abwesend, selbst, wenn er im Haus war, als stiller Beobachter im Hintergrund blieb. Wie ein stummer Hausgeist, der mit kritischem Blick den Besuch beäugte.

So gar kein Ort für zwei kleine Mädchen, die im weiß gestrichenen Treppenhaus herumtollten. Und mit dem Ruf „It’s Pinkel-Time!“ von ihrer Mutter abends noch ins Bett gebracht wurden. Frühstück gab‘s in der ebenso weiß gestrichenen Gesinde-Küche im Souterrain. Die man auch über die typische Außentreppe unterhalb der Hausfront erreichen konnte.

London war für mich ein Ereignis. Speakers Corner, Camden-Market, Piccadilly Circus, die Passagen mit den Antik-Läden, die roten Doppeldeckerbusse und Telefonhäuschen, die anachronistischen schwarzen Taxi-Limousinen und Palast-Wachen in theater-würdiger Montur. Was mich schockierte, war die krasse Schere zwischen Arm und Reich. Die Szenerie, in der hier Bettler vor den Kathedralen und der Kulisse edler Läden und Bankhäuser die Hand aufhielten, mutete mich irgendwie mittelalterlich an.

Im obersten Stock des Hauses gab es eine Dachluke, vor die man sich setzen konnte. Dort saß ich gerne und beobachtete, was sich auf der Straße so abspielte. Die Rolls-Royce-Dichte war atemberaubend. Und gegenüber wohnte offenbar eine extrem wohlhabende Familie. Die über Tag mehrfach, aber niemals mit dem gleichen Auto ausfuhr.

Irgendwann hatte ich meinen Beobachter-Posten einmal in den fußnahen Hyde Parc verlegt. Ich blieb nicht lange alleine auf der Parkbank. Ein elegant gekleideter arabisch stämmiger Mann setzte sich neben mich und begann eine freundliche Unterhaltung mit mir. Ich wundere mich im Nachhinein, wie ich diese Konversation überhaupt mit meinem Schulenglisch hinbekommen habe.

Ich fühlte mich natürlich geschmeichelt. Jedenfalls erinnere ich mich genau, dass ich mich ihm gegenüber über den beinahe unanständigen Reichtum in dem Viertel ausließ, in dem ich wohnen durfte. Als Beispiel erwähnte ich die zahlreichen Autos der Familie gegenüber. Ich sah, wie er belustigt schmunzelte. Und höre ihn noch wie heute sagen:

„Nun ja, ein Auto für morgens, eins für mittags und einen Wagen für abends brauche ich schon."

© Stella