Erzählen, um zu überleben

Es sind nicht die Tonangeber, die für das Gelingen einer Expedition entscheidend sind. Sondern die Erzähler. Nicht Befehle retten in Extremsituationen das Überleben. Sondern Geschichten. Das ist das Ergebnis einer Nasa-Studie. Erzähler halten die Gruppe zusammen. Und die Menschen in kritischen Momenten bei der Stange. Roald Amundsen hätte es wohl nie bis zum Südpol geschafft ohne seinen humorvollen Koch.

So ein geborener Geschichtenerzähler wie Adolf Lindstrøm war mein bester Schulfreund. Sicher auch deshalb, weil er schon als kleiner Junge hinter der Theke der Dorfkneipe stand. M. war erst neun, als sein Vater starb. Seine Mutter musste als junge Witwe mit drei Kindern den Gasthof mit Gästebetten und einem kleinen Supermarkt alleine managen. Als einziger Sohn war es selbstverständlich, dass er nach der Schule an der Theke half.

„Ah watt!“, hör ich ihn noch die Stammtrinker imitieren. Um dann mit tiefer Stimme im Dialekt eine Geschichte zu erzählen, die ihm die Kneipenbesucher abends im Suff anvertrauten. Ihre Kneipen-Weisheiten und kernigen Sprüche kommentierte er dann mit seinem unverwechselbaren laut meckernden Lachen.

„Ah watt!“ war vermutlich der Kampfruf der Dorf-Trinker. Es hieß wohl so etwas wie „Na und? Ist mir doch egal!“ und „Das wollen wir doch mal sehen!“ Es diente offenbar zur Selbstbehauptung gegenüber den Zumutungen ihres Lebens, die sie jeden Abend mit ein paar Kölsch ein paar Stunden lang zu vergessen suchten.

Auch seine eigenen Erlebnisse erzählte M. oft im Tonfall der Kneipenbrüder. So machen das die Erzähler seit Menschengedenken. Um ihre Glaubwürdigkeit zu untermauern. Schließlich geben sie ja nur die Geschichten wieder, die ihnen vorher von anderen erzählt worden sind.

Dinge so zu erzählen, als hätte nicht er selbst, sondern jemand anderer sie erlebt, war aber sicher auch ein Schutz. Mit dem er seine große Verletzlichkeit verbarg. „Ah watt!“ höre ich M. noch immer. Gefolgt von seinem lauten Meckern. Und ich verstehe erst jetzt, dass das Erzählen und sein Lachen darüber für ihn eine Form der Selbstbehauptung gegenüber der größten Verletzung seines Lebens war, dem Verlust des Vaters.

„Leben, um davon zu erzählen“, überschreibt der große Welt-Erzähler Gabriel Garcia-Marquez seine Autobiografie. „Erzählen, um zu (über-)leben“, könnte M.s umgekehrter Wahlspruch lauten. Zusammen ergeben sie das Motto all jener begabten Erzähler, die mit ihren Geschichten für unser Leben unverzichtbar sind.

© Stella