Fallout

  • 193
Fallout | story.one

Eigentlich konnte sie mit Kindern früher nicht viel anfangen. Diese dafür um so mehr mit ihr. Warum, wurde ihr erst später klar. Vielleicht wurde sie deshalb nicht schwanger.

Die Ärztin machte einen Hormonstatus. Mit dem Blutergebnis rief sie auf ihrer Arbeit an.

„Sitzen Sie gut? Sie sind schon schwanger!“

Doch das Ultraschall zeigte ein seltsames Bild. Wie Schneeflocken schwebten kleinste Partikel in ihrer Fruchtblase umher.

„Das sieht nicht normal aus“, sagte die Ärztin.

Und schickte sie ins Krankenhaus. Die Anmeldung war direkt vor dem Kreissaal. Beim Warten hörte sie das Schreien der Neugeborenen. Neben ihr saß eine dunkelhäutige Frau kurz vor der Entbindung.

Man rief sie in einen dunklen Raum. Hinter einem behelfsmäßig wirkenden Tischchen saß eine junge Ärztin. Sie sagte:

„Sie müssen sich nicht schuldig fühlen!“

Sie wunderte sich noch, warum sie sich schuldig fühlen sollte. Als sie von einer grauhaarigen Ärztin in den Untersuchungsraum gebeten wurde. Ihr viel zu üppig aufgetragene Lip-Gloss glänzte unheimlich im Dämmer der bis auf Lichtlitze verschlossenen Jalousien.

Man bat sie, sich hinter einem Vorhang freizumachen. Und sich auf den Gyn-Stuhl zu setzen.

„Ein erneutes Ultraschall? Wozu?“ fragte sie sich.

Das Ergebnis stand doch schon fest! Warum zeigte man ihr auf dem Monitor noch einmal das gleiche Bild mit dem Fall out in ihrem Bauch?

„Es ist kein Herzschlag zu sehen“, bestätigte die Ärztin erneut.

„Sind Sie traurig?“ fragte eine Arzthelferin.

Sie schüttelte den Kopf. Und merkte, wie Tränen über ihre Wangen liefen.

Vor der Operation bekam sie ein Bett in einem Zimmer neben zwei brustkrebskranken Frauen. Die sich mit durchdringenden Stimmen über ihren Therapie-Marathon unterhielten. Um sie auszuschalten, hörte sie Glenn Goulds „Wohltemperiertes Klavier“ per Kopfhörer.

Nach dem Beruhigungsmittel wachte sie noch einmal sekundenkurz auf. Als ein Krankenpfleger sie auf den OP-Tisch hob und sagte:

„Wie leicht sie sind!“

Noch im Narkosedämmer verkündete ihr eine junge Ärztin:

„Sie haben etwas sehr seltenes: eine Blasenmole.“

Es hieß, sie dürfe das Krankenhaus erst verlassen, wenn sie etwas bei sich behalten hätte. Also aß sie den Fisch, den man ihr brachte. Und brach ihn sofort wieder aus. Sie hörte die Bettnachbarinnen feixen:

„Die kommt heute nicht mehr raus!“

Sie verschwieg ihr Erbrechen und ging am selben Tag nach Hause. Unter der Dusche sah sie, dass ihre Oberschenkel noch großflächig mit Jod beschmiert waren. Und fühlte sich missbraucht.

Die Blasenmole machte ihr Angst. Es könnte sein, dass sie mit Chemotherapie behandelt werden müsste. Bis das negative Ergebnis der Pathologie eintraf, dauerte es. Doch die Unterleibschmerzen hörten nicht auf. Schwangerschaftsreste wucherten noch in ihr.

„Nie wieder in dieses Krankenhaus!“

sagte sie sofort. Und ließ sich in eine andere Klinik einweisen. Sie war dankbar für das Einzelzimmer, in dem sie aufwachte. Zu Ende war die Geschichte damit noch nicht.

© Stella 11.06.2019