Frühreif

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Frühreif | story.one

In die Schule ging ich ab etwa vier Jahren. Ich seh mich noch an der Tafel stehen. Die Kreide in der Hand. Das untere Drittel der Tafel bekritzeln. Schreiben und lesen konnte ich schon. Aber Malen mochte ich lieber.

Der linke Flügel der dreigeteilten Schultafel gehörte mir. Daneben stand meine Mutter. Und unterrichtete. Mit der Kreide in der Hand auf die Rest-Tafel schreibend.

Mit über vierzig fing sie noch mal an zu studieren. Und arbeitete schon nebenbei als Lehrerin. Wie mein Vater. Ihre fünf Kinder waren da vier bis fünfzehn Jahre alt. Die Kleinste lief einfach mit. Auch in den Unterricht. Oder auf Klassenfahrt.

Warum ich am ersten Schultag trotzdem heulen musste, ist mir bis heute ein Rätsel. Die Lehrer kannten mich und ich kannte sie alle. Sie waren Kollegen meiner Eltern.

Meinen feschen jungen Klassenlehrer, an dem ich wie alle kleinen Mädchen hing wie eine Klette, besuchten wir sogar bei ihm zu Hause. Was mir bis heute in peinlicher Erinnerung geblieben ist. Das Lehrerzimmer war mein zweites Wohn- und Spielzimmer.

Vielleicht kam es auch deshalb zu skurrilen Situationen. Ich war wohl der Meinung, meine Hausaufgaben auch gleich selbst unterschreiben zu können. Offenbar nicht professionell genug.

„Urkundenfälschung!“ höre ich Frau Höbler noch empört rufen. Die Lehrerin vom hochtoupierten Gouvernanten-Typ deutete dabei mit spitzen Fingern auf meine gefälschte Unterschrift.

Nachsitzen musste ich dann in der Parallelklasse beim kleingewachsenen grauhaarigen Lehrer Bahr. Auch ein guter Freund meiner Eltern, bei dem wir oft zu Hause waren.

Lehrer Bahr und seine Frau fuhren auch einmal gemeinsam mit uns in Urlaub auf die jugoslawische Insel Hvar bei Split. Beim Schwimmen im Meer mit meinem Vater nahm Herr Bahr mir meinen Freischwimmer ab. Noch vor der Grundschule. So dass er mich, als er mich später beim Schulschwimmen unterrichtete, unbesorgt als einzige Grundschülerin im Schwimmer-Becken herumpaddeln lassen konnte.

Als Lehrerkind konnte ich einfach vieles schon früher, was man normalerweise erst in der Grundschule lernt. Rechnen kann ja wohl auch nicht so schwer sein. Dachte ich. Und rechnete im Kopf. Oder vielmehr: Ich schätzte. Das Ergebnis stimmte. Meistens. Der Weg dahin war mein Geheimnis. Bis ich einmal an der Tafel vorrechnen sollte.

Beim Rechnen blieb ich beim Schätzen. Bis heute. Malen tue ich immer noch gerne. Auch das Schreiben habe ich nie aufgegeben.

Ich zeichne auf, was mir unter den Pinsel oder Bleistift kommt. Auf Zettel, Bierdeckel, Skizzenblöcke oder Moleskine-Hefte. Ein Mini-Heft mit kleinem Bleistift habe ich immer für Notizen in der Tasche.

Manchmal hole ich auch die alte Schul-Lerntafel hervor. Und kritzle etwas mit weißem Buntstift darauf. Aus Nostalgie. Und weil man auf der Tafel immer wieder alles wegwischen kann. Um dann bei nichts neu anzufangen. Schreiben und lernen ist ein Prozess. Der nie aufhört. Den man immer wieder neu beginnt. Wie meine Mutter. An der Tafel. In der Schule.

© Stella