Goethe, blaues Eis und Al Pacino

Frankfurt. Goethe-Haus. Der Eingang mit abmontiertem Schild und Großbaustelle kaum zu finden. Durch ein Gang-Labyrinth schließlich in das, wie mir scheint, tatsächlich komplett erhaltene, repräsentative Häuschen der Familie Goethe, dessen drei Etagen über ein ausladendes Treppenhaus zu erreichen sind. Technische Highlights: ein Riesen-Pumpschwengel in der Küche, über den man direkt aus dem Brunnen Wasser holen kann. Und pro Etage quasi eine ultra moderne Etagenheizung. Sprich, ein Kamin im Treppenhaus, über den die einzelnen Zimmer beheizt werden.

Ein zitronenfaltergelbes Empfangszimmer im Erdgeschoss. Ein Musik-Zimmer mit Instrumenten-Stuck an der Decke, Schwester Cornelias Frollein-Zimmer mit Klavichord und Blick auf den wunderschönen Innenhof. Vater Goethes Gemäldegalerie, die Wände quasi tapeziert mit damals zeitgenössischen, heute romantischen Frankfurter Malern. Daneben eine imposante Bibliothek mit Blick auf den städtischen Hirschgraben. Außer einer Handvoll Asiaten begegnen mir nun immer mehr Handwerker. Wie orientierungslos umherirrend, mit großen Kabeln und Stangen über der Schulter.

Unterm Dach Goethes Zimmer. Mit imposantem Sekretär. Geschrieben hat er aber am abgeschabten Stehpult hinten an der Wand. Im Nebenraum sein Kinder-Puppentheater. Eine plumpe Holzkiste. Wenige Möbel, Gemälde und schöne gemusterte und bebilderte Tapeten. Wie die blauseidene im Esszimmer.

Aus dem Goethe-Haus wieder in die hektische Stadt. Vorbei am wuchtigen Römer. Zur Paulskirche. Die Fünfziger lassen grüßen. Im Erkerchen sitzt ein Beamter vor seinem Telefon. Enttäuschend nüchtern der große Saal, in dem die erste deutsche Nationalversammlung stattgefunden hat.

Raus Richtung Mainufer. Fast schon ein bisschen dörflich. Der Main schmal wie zum Durchwaten. Obwohl es schon tief genug für Lastkähne sein muss, die das beinahe idyllische Mainufer-Bild inklusive Museums-Bähnchen noch verstärken.

Rüber über den Eisernen Steg. Die Pont Neuf von Frankfurt. Auf der Treppe ein äthiopisches Hochzeitspaar. Das mit einem Eis von extrem künstlichem Blau vor Fotografen posiert. Die andere Seite: Vorbeiradelnde Handwerker, Freizeit-Skater und militante Rennrad-Fahrer, die durch schlendernde Liebespärchen preschen.

Mainabwärts Museumsmeile. Ich gehe ins Museum für angewandte Kunst. Das von einem Künstler monochrom gelb verkleidet und mit Sprüchen auf Wänden und Fluren beschriftet wurde. Auf der Klotür steht:

„Wenn Placebos nachweislich funktionieren, muss es möglich sein, über meine Überzeugungen mein körperliches Befinden positiv beeinflussen zu können.“

Im Café bin ich komplett alleine. Der Kellner, ein kleingewachsener Italiener mit knielangen Shorts und umgedrehter Baseballkappe, Typ Al Pacino, hat die Ruhe weg. Bedient mich königlich bis zum Schließen des Cafés.

Über der Frankfurter Skyline geht die Sonne unter. Und ich träume von Goethe, blauem Eis und Al Pacino.

© Stella