Große Brüder

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Die ersten Töne, die ich auf der Gitarre spielen konnte, noch in der Grundschule, war „Smoke on the water“ von Deep Purple. Mit der Musik von Pink Floyd, Jethro Tull und Led Zeppelin bin ich groß geworden. Die Musik meiner Brüder.

Ich war fünf Jahre jünger als mein „kleiner Bruder“. Der oft Babysitter spielen musste. Der sieben Jahre ältere war für mich mein „großer Bruder“. Er sah ein bisschen aus wie Frank Zappa. Und bekam Schillerlocken, wenn er das Haar bis über die Schultern wachsen ließ, sehr zum Leid meiner Eltern. Sein Zimmer im Keller hatte etwas von einer Party-Höhle. Die unverputzten Kellerwände rot und weiß bemalt mit Cover-Motiven seiner Rockidole. Die Musik war laut und die Bude verraucht. Zumindest in meiner Erinnerung.

Meine großen Brüder waren meine Idole. Denn meine zehn und elf Jahre älteren Schwestern waren schon aus dem Haus. Statt mit Barbie-Puppen spielte ich mit ihren Matchbox-Autos und der Carrera-Bahn. Beide waren im Handball-Verein. Keine Frage, dass ich auch Handball spielte. Und mit ihnen gemeinsam auf der Wiese „Parade“ übte mit dem dunkelroten echten Lederball.

Ins „Audimäxchen“ durfte ich leider noch nicht mit. Aber irgendwann muss ich wohl doch mal reingeschnuppert haben. In die verrauchte Jugend-Kneipe im kleinen Fachwerkhäuschen am Fuß unseres Berges. Oder war das nur meine Vorstellung? Meinen Eltern war das Stammlokal meiner Brüder, die „Drogen-Höhle“, mehr als suspekt. Ärger gab’s ohnehin genug. Ob wegen Drogen, Mädchen, Motorrad, Schule oder zerschmissener Grablämpchen auf dem Friedhof.

Unser Nachbarort galt als Drogen-Eldorado. Natürlich zogen meine Brüder dort in eine WG. Mein großer Bruder machte hier seinen Zivildienst im Jugendzentrum. Ein altes Fabrikgebäude im Industriegelände neben Durchfahrtsstraße und Bahngleisen. Ich fand das alles sehr cool, verboten und extrem spannend.

Auch wenn mir oft schon im Treppenaufgang schwummrig wurde vom Hasch-Dunst, der ihre Wohngemeinschaft unterm Dach einräucherte. Ich wollte unbedingt dabei sein. Während die Freundin meines großen Bruders mit mir oben in der Wohnung alte Damast-Tischdecken zerschnitt, im Waschbecken violett färbte und zu Pumphosen nähte, werkelten meine Brüder unten im Hof. Ihre Lieblingsbeschäftigung: aus zwei alten Enten eine neue zusammenbauen.

Ente fahren gehört überhaupt zu meinen lebendigsten Kindheitserinnerungen. Ihre hängemattenähnlichen Sitzbezüge. Die dreieckigen Seitenklappfenster. Lenkradschaltung und Scheibenwischer wie Spielzeug. Das aufrollbare Textil-Verdeck. Den Kopf herausstrecken in den Fahrtwind. Der typische Enten-Sound. Im Winter die von innen und außen zugefrorenen Scheiben. Das eingefrorene Schloss und die Eiseskälte im Fond. Den Spaß, sich mit der Ente aus dem Schnee zu schaukeln. Oder sich mit in voller Fahrt angezogener Handbremse um 360 Grad auf der glatten Fahrbahn zu drehen.

Irgendwie war es doch schon ziemlich cool, zwei große Brüder zu haben.

© Stella