Großvater

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Großvater | story.one

Mein Großvater war wohl ein rechter Berserker. Den meine Oma morgens auch schon mal aus dem Kartoffelkeller ziehen musste. Weil er in der Nacht betrunken die Treppe heruntergefallen war.

Viel Rücksicht hat der Lebemensch offenbar nicht genommen. Nicht auf seine zarte Frau, die fromme Luise. Die fünf Kinder auf die Welt brachte. Obwohl sie das letzte nicht mehr hätte bekommen dürfen. Und dafür lebenslang mit einem schweren Hüftschaden bezahlte.

Auch nicht auf seinen ältesten Sohn. Der gerne Geige spielte und Bücher las. Für den Vater und Metallarbeiter bloß Vergnügen. Nur, um sich vor der Gartenarbeit zu drücken. Da konnte es auch schon mal passieren, dass er dem Sohn zur Aufforderung die Mistgabel vor die Füße stieß. Einmal sogar durch den Fuß hindurch.

Genauso wenig Rücksicht nahm der Großvater offenbar auf sich selbst. Stellte sich während des zweiten Weltkrieges vor die russischen Fremdarbeiter im metallverarbeitenden Betrieb, in dem er als Dreher arbeitete. Schenkte den Russen Kohlköpfe und scheute sich auch nicht, sie mit der Faust vor braunen Kollegen zu beschützen. Nur seine „kriegswichtige Tätigkeit“ bewahrte ihn wohl vor dem Konzentrationslager.

Für mich als Kind war der Großvater im Alter immer noch ein Kraftmensch. Den ich viel im Garten arbeiten sah. Mit seinem breitkrempigen Strohhut auf dem Kopf. Die Grenze zum benachbarten Grundstück meiner Eltern markierte er gerne demonstrativ mit einer Kordel. Das Grundstück hatte er seinem Sohn geschenkt. Mit der Auflage, in kurzer Zeit darauf zu bauen. Mit seinem Volksschullehrer-Gehalt von vierhundert D-Mark konnte mein Vater aber kaum die damals noch fünfköpfige Familie ernähren. Er empfand das Geschenk als Fluch.

Als er nicht mehr so gut zu Fuß war, saß mein Großvater meist mit seinem kleinen zerschossenen hellblauen Seidentüchlein um den Hals am Kopf des Küchentischs und schaute auf den Fernseher, der unter der laut tickenden Pendeluhr stand. Der Raum war stickig vom Rauch seiner dicken Zigarren. Auf dem Tisch ein Aschenbecher mit Drehdeckel und seine Schnupftabak-Dose. In meiner Erinnerung begrüßte er mich immer freundlich mit Michaelili und war stets bester Dinge. Auch wenn er kaum noch sehen und hören konnte.

Für seine Kinder blieb er ein Berserker. Bis zu seinem Tod. Gegen den er wohl am Ende so ankämpfte, dass ihn seine Söhne kaum bändigen konnten. Mein Großvater war der erste Tote, den ich als Kind sah. Vor allem anderen sind mir seine wächsernen Hände in Erinnerung geblieben. Große, kräftige Arbeiterhände. Die irgendwann einmal jenes Kreuz mit feinen Ornamenten geschnitzt haben mussten, das bei uns im Wohnzimmer hing.

Noch lange nach seinem Tod hing sein löchriger Strohhut in der Kellertreppe des schwarzen Schiefernhauses mit grünen Läden, das mein Großvater als erstes Haus auf dem Hügel für seine Familie gebaut hatte und in dem noch heute sein jüngster Sohn wohnt. Aus irgendeinem Grund wagte es niemand, seinen Strohhut wegzuwerfen.

© Stella