Das Leben ist (k)ein Steinbruch

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Das Leben ist (k)ein Steinbruch | story.one

Im Spätsommer fuhren wir jedes Jahr zum Pflaumen pflücken ins Jungholz. Einem Fachwerkhof unserer Verwandten im Sauerland mit einer großen Streuobstwiese auf einer kleinen Anhöhe.

Beim Aussteigen roch es nach frisch gesägtem Holz. Jüppe hatte einen holzverarbeitenden Betrieb. Er zimmerte in einer großen Scheune Holzzäune und rustikale Gartentische und -bänke.

Jüppes Vater hieß auch Jüppe - westfälisch für Josef. Er war der Cousin meiner Mutter väterlicherseits. Die beiden Jüppes glichen sich wie ein Ei dem anderen. Beide waren klein und rundlich und hatten kein einziges Haar mehr auf ihrem eiförmigen Kopf. Sie waren immer lustig und erzählten gerne Geschichten. Mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen und ihrem eigenwilligem Dialekt. "Es geht uns gut" hieß da "Et chet uns chut". Weil jedes "G" hier im Sauerland als "Ach"-Laut gesprochen wird.

Manchmal saßen wir in der kleinen, nach Süden gerichteten Küche des Fachwerkhofs mit winzigen Fenstern und niedriger Decke. Oder bei gutem Wetter auch hinter dem Hof auf der Wiese, von der man aus weit hinunter ins Tal sehen konnte. Denn der Hof stand einzeln. Weit und breit kein anderes Gebäude.

Wollte man aufs Klo, musste man in den ersten Stock. Das Bad war eher so etwas wie eine Bienenwabe. Davor gingen rechts und links kleine düstere Kammern ab. Mit wenig Licht und noch weniger Platz . Überall gab es Stufen und Winkel. Wie in einem Mäusebau für Menschen.

Der Vater meiner Mutter war hier in dem einsamen ärmlichen Hof direkt hinter dem Wald aufgewachsen. Jungholz hatte die magische Aura eines Familienstammsitzes. Die magnetische Anziehungskraft hatte sich auch noch auf meine Mutter übertragen. Die Geschichte dahinter kenne ich erst seit kurzem.

Mein Großvater Franz kam im Jungholz 1879 als zehntes von zwölf Kindern zur Welt. Sein Vater, der Steinbruch-Arbeiter Wilhelm Menze, hatte 1864 den Hof für 744 Taler auf Kredit für seine schnell wachsende Familie gekauft. Als ein Sohn im Steinbruch von einer Mine getötet wurde, war auch dessen Familie noch zu versorgen. Um die vielen Esser zu ernähren, mussten deshalb auch die Frauen auf fremden Höfen arbeiten.

Kein Wunder also, dass der Hof wie ein verwinkeltes Mäusenest wirkte. Mussten doch unzählige Köpfe dort untergebracht werden. Sicher war es eine Entlastung, als mein Großvater sich als junger Mann in der Armee Kaiser Wilhelms II. verpflichtete. So konnte er von seinem kargen Sold etwas ins Jungholz schicken. Und es war offenbar für ihn die einzige Chance, aus dem Elend der Steinbrucharbeiter-Generationen auszubrechen.

Denn sogar Jüppe junior arbeitete noch in den Fünzigern als Lokführer im Steinbruch, wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater, bevor er sich mit dem Holzbau selbstständig machte im Jungholz. Wo nach über 1 Jh. Menze nun längst andere wohnen.

Manchmal frage ich mich, wie viel von der Mäuse-Mentalität des Schuftens, Darbens, Leidens und Durchhaltens sich bis auf mich und meine Generation übertragen hat.

© Stella 23.06.2019