Klassenfahrt nach Neapel

Als „Meereskundliche Exkursion“ ging unsere Abschlussfahrt nach Neapel gerade so durch. Die erste Erinnerung: der Geruch von frischer Erde. Am Morgen nach der Nachtfahrt im Bus. Hinter dem Fenster gepflügter Ackerboden.

Das von Wein überrankte grüne Dach des Jugenddorfs auf einem Hügel oberhalb von Sorrent ist die zweite Erinnerung. Jetzt im Oktober hängt alles voller Trauben. Dazwischen gelb leuchtende Zitronen. Ein Spätherbst, der sich anfühlt wie bei uns der Sommer. Im Schutz der Dämmerung reger Wildwechsel zwischen den Bungalows. Laue lange Nächte. Parties auf den Zimmern. Getuschel und Kichern draußen im Dunkeln.

Ausflüge in kleinen Gruppen ins abendliche Sorrent. Gemüse und Souvenirs unter Markisen. Buntes Leben auf der Straße. Das mit dem Einbruch der Dunkelheit, anders als zu Hause, nicht endet. Sondern hier erst beginnt.

Ein Jugendlicher, der mit seiner Vespa neben uns stoppt und mir die Hand auf den Po legt. Und mein Reflex. Die erste und einzige Ohrfeige, die ich in meinem Leben gebe. Mein Schrecken. Und das überraschte Gesicht des Jungen. Ein Erinnerungs-Polaroid.

Tagesausflüge. Mit dem Bus durch die Straßen von Neapel. Zum Herkulaneum. Ein Ruinenfeld mitten im Meer der Wohnhäuser. Zurück der Blick aus dem Seitenfenster auf Passanten. Elegant gekleidete, sehr attraktive Neapolitaner und Neapolitanerinnen.

Capri. Die blaue Grotte verpassen, um im Meer neben dem Hafen-Becken schwimmen zu gehen. Und der Versuch, im schaukelnden, offenen Boot auf der Rückfahrt eine überreife Feige zu schälen und zu essen.

Amalfi, eine Märchenstadt. Bunt, fast orientalisch. Verwinkelte Enge. Am steilen Hang über den Felsen. Der weite Blick übers Meer.

Paestum. Ein antiker Tempel-Traum. Hohe Säulen, die im Abendlicht unwirklich aus der Wildnis wachsen, untermalt vom Zirpen der Grillen im herbstbraunen Gras. Befremdliche Statistin im Bild: Schwester Hildegard, unsere Rektorin, eine massige Ursulinenschwester in schwarz-weißer Ordenstracht. Auf der Rückfahrt zur Bungalowanlage im Bus Neil Young rauf und runter.

Pompei. Die schockierende Unversehrtheit der unglaubwürdig weitläufigen Stadt. Straßen und Gehsteine quer darüber für Fußgänger, die so von einer auf die andere Seite wechseln können, ohne im Schmutz zu versinken. Quasi antike Zebrastreifen. Die erschreckend intakten Wohnhäuser. Überraschung über moderne Fußbodenheizung und Sauna. Lusthäuser und lebensechte Abgüsse von Toten, mitten im Todeskampf eingeäschert und konserviert als leere Hülle in Asche und Lava.

Am letzten Tag der Aufstieg auf den Vesuv. Die schweren Beine wollen den Schuttberg nicht hoch. Der Krater, nicht mehr als ein Loch. Was haben wir denn erwartet – feuerspeiende Lava?

Unsere „Italienische Reise“. Ein Feuerwerk in meiner Erinnerung. Bilder einer Abschlussfahrt, die ihren Sehnsuchtsanker mit Blick auf die Vergangenheit in die Zukunft geworfen haben. Als Traum vom Süden, der bis heute in mir wach geblieben ist.

© Stella