Lars

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Lars | story.one

„Mein Leben ist im Arsch. Seit dem Motorradunfall vor einem Jahr.“ Ich drehte mich zu seinem Rollstuhl um. Wir kannten uns nicht. Hatten erst drei Worte gewechselt. Ich kam vom Joggen.

Querschnittsgelähmt mit Anfang dreißig. Ich hatte ihn mehrfach am Rhein stehen sehen. Als hätte jemand ihn dort abgestellt.

„Mein Leben ist seit zwölf Jahren im Arsch. Seit der Geburt meines schwerbehinderten Sohnes.“ konterte ich.

„Es heißt ja, die hier leiden müssten, hätten es besonders gut im Himmel.“ Meinte er.

„Na, dann haben wir ja einen Premiumplatz sicher“, lachte ich. „Bis dahin wollen wir es uns aber noch ein bisschen gut gehen lassen!“

„Früher hab ich nie über sowas nachgedacht. Aber all das Obst und Gemüse … all das Schöne!“ meinte er im Ton eines Kindes, das die Worte des Pfarrers wiederholt.

Ich musste lachen. Und sagte:

„Immerhin sitzen wir jetzt nicht im Büro bei der Arbeit. Sondern hier am Rhein.“

“Ich war Gerüstbauer. Immer im Freien. Jeden Tag woanders unterwegs. Ein Abenteuer.“

„Ich muss los. Wir sehen uns!“

Als ich schon einige Meter weg war, rief er mir nach:

„Ich heiße Lars!“

„Ich Stella! Bis bald, Lars!“

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Ein paar Tage später sah ich ihn wieder. Er stand vor einem Grab am Rheinfriedhof. Den Blick aufs Beet. Als wünschte er sich hinein.

„Stör ich? Willst Du alleine sein?“ fragte ich.

„Nein. Bin gleich verabredet. Eis essen am Fähranleger.“

„Sollen wir zusammen gehen?“

„Nein. Ich möchte lieber noch ein bisschen hier sitzen.“

Dann rief er mir hinterher.

„Aber wir können ja mal die Handynummern tauschen!“

„Okay“, sagte ich. „Ich kann Dich ja mal zum Rheinspaziergang bei Dir zu Hause abholen. Du wohnst doch hier in der Nähe, oder?“

„Ja, gerne.“

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Einige Zeit später fragte ich ihn per Whatsapp, ob er Zeit hätte, spazieren zu gehen. Er antwortete prompt:

„Wir können ja auch bei mir zusammen duschen. Und danach nackt im Bett ein bisschen fummeln.“

Ich war perplex. Wie sollte ich reagieren? Hatte ich doch kurz zuvor im Gespräch mit einer Freundin Sex-Assistentinnen als Kassenleistung für Behinderte befürwortet. Vielleicht war das sein erster erotischer Annäherungsversuch nach dem Unfall.

„Ich fühl mich ja geehrt. Ich könnte immerhin Deine Mutter sein. Aber ich hab schon zwei Männer.“ frotzelte ich. Er konterte:

„Wir müssen ja nicht gleich heiraten!“

Und machte mit seiner plumpen Anmache weiter.

Ich wurde deutlicher„Halt! Kein Bedarf!“ Er hielt Kurs. Ich sagte Stopp. „Ich hab keinen Bock auf so ne plumpe Anmache!“ Die Wirkung blieb aus. Er hielt sich wohl für Popeye. Der Unfall hatte daran offenbar nichts geändert. „Jetzt reicht’s. Nicht mit mir!“ schrieb ich. Bevor ich seinen Kontakt löschte.

Als ich mich mit einer Freundin darüber unterhielt, die sein Schicksal kannte, sagte sie fassungslos:

„Ich seh‘ schon die Schlagzeile: Mutter eines schwerbehinderten Sohnes hat Affäre mit querschnittsgelähmtem Rollstuhlfahrer. Aus Mitleid.“

Wir mussten lachen. Das Ganze war wirklich zu grotesk. Wenn es nicht so traurig gewesen wäre.

© Stella