Malinoi

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Malinoi | story.one

Plötzlich sah er auf mich herab. Stand oben auf der Wald-Böschung über dem Hohlweg. Er sah aus wie ein Schäferhund. Aber nur fast. Etwas kleiner, athletischer, wendiger. Mit hellbraun meliertem Fell und einer auffällig schönen schwarzen Zeichnung an Ohren und Schnauze. Als er den Abhang zu mir hinabschoss, um mir sein Stöckchen zu präsentieren, sah ich sein Herrchen nur kurz herunter schauen und halbherzig nach ihm rufen.

Seltsamerweise hatte ich keine Angst. Ich bin zwar mit Hunden aufgewachsen. Aber seit ich einmal gebissen wurde, weil ich im Streit dazwischen ging, bin ich ängstlich geworden. Da ich weiß, dass Hunde die Angst sofort spüren, gehe ich ihnen lieber aus dem Weg. Vor allem, wenn sie unangeleint sind wie dieser. Aber merkwürdigerweise schien er mir völlig ungefährlich. Er lief um mich herum, als wäre ich ihm völlig vertraut. Dass sein Herrchen sich nicht weiter um ihn kümmerte, machte mich noch sorgloser.

Nach einigen Metern trafen sich unsere Wege. Der Mann war vielleicht Mitte fünfzig, drahtig und wirkte ein wenig hölzern und wortkarg. Wir liefen einige Zeit wortlos nebeneinander her. Irgendwann fragte ich ihn nach der Rasse seines Hundes.

„Es ist ein belgischer Schäferhund. Ein Malinoi.“ war seine knappe Antwort.

Von Malinois hatte ich noch nie gehört. Obwohl ich mich schon als Kind für Hunderassen interessierte. Dieser hier war irgendwie anders. Mit seinem klugen Blick schien er mir fast überachtsam.

„Er ist schön“, sagte ich. „und ziemlich agil.“

„Ja. Die Polizei hat ihn abgegeben. Sie kam nicht mit ihm zurecht.“ erklärte er.

Ich überlegte, ob der Mann wohl Polizist sei. Vom Typ her hätte er Polizeibeamter sein können. Ein wenig zu korrekt und offenbar gewohnt, sich mit unbewegter Miene unangenehme Typen vom Leib zu halten.

„Jagt er nicht dem Wild hinterher, wenn er unangeleint ist?“ wunderte ich mich.

„Nein, er gehorcht sehr gut. Meine Freundin hat ihn von der Polizei übernommen. Sie kann auch mit besonders schwierigen Hunden umgehen.“ erklärte er.

„Oh, dann ist sie sowas wie eine ‚Hundeflüsterin‘?“ fragte ich.

„Ja, so ähnlich. Leider kann sie es dafür nicht so mit Menschen.“ sagte er mit gesenkter Stimme und schaute dabei nachdenklich ins Nirgendwo.

„Das kann ich verstehen“ entgegnete ich. „Menschen, die besonders gut mit Tieren umgehen können, sind vielleicht manches Mal zu sensibel für den Umgang mit Menschen.“

„Na ja …“ sagte er und machte eine vieldeutige Pause.

Der Malinoi war die ganze Strecke unauffällig um uns herumgerannt.

Mittlerweile waren wir am Wanderparkplatz. Wir hatten uns beim Gespräch kaum angesehen. Ein knapper Abschiedsgruß. Ich ging zum Auto. Der Mann drehte sich noch einmal kurz um, bevor er mit dem Malinoi in den Steilweg zum Ort hinunter abbog.

Einige Tage später las ich am Frühstückstisch in der lokalen Tageszeitung eine kurze Meldung aus der Region: Ein Malinoi hatte eine Frau unvermittelt direkt ins Gesicht gebissen. Es handelte sich um einen ehemaligen Polizeihund.

© Stella 13.05.2019