No more reality!

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Besuch einer MMK2-Ausstellung. In einem unscheinbaren Gebäude mitten im Frankfurter Bankenviertel. Auf die Führung warten außer mir nur ein Banker-Typ mit Frau, die ihn scheinbar wider Willen hierhin geschleppt hat. Zwischen zwei Geldgeschäften. Böser Blick zur leicht verspäteten Führerin.

Der Titel der Ausstellung, Fahrenheit 451, stammt von einem Buch, das mit dem Burgschauspieler Oskar Werner verfilmt wurde. Die Geschichte spielt in der Zukunft. Die Feuerwehr fungiert hier nicht als Brandlöscher, sondern als Brandleger. Bücher brennen nämlich erst ab 451 Grad Fahrenheit. Für das totalitäre System sind sie eine Gefahr. Eine kleine Gruppe von rebellischen Buchmenschen und Dissidenten verstecken sich im Wald, um dort die wenigen geretteten Bücher auswendig zu lernen und so vor dem Vergessen zu bewahren.

Die Ausstellung gliedert sich in Abteilungen, die sich an je einem literarischen Buch orientieren. Wie Thomas Bernhards „Auslöschung“, Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ oder Kafkas „Verwandlung“.

Literatur und Konzept-Kunst sollen sich spiegeln im gemeinsamen Widerstand gegen systemkonformes Denken und Handeln. Mit Exponaten aus der Tate Gallery, dem Centre Pompidou und der MMK-Sammlung. Große Kunstwerke. Von Duchamp über Sugimoto bis zu Sigmar Polke.

Polke lässt hier eine Kartoffel am Draht hängend über einer anderen Kartoffel rotieren. Die Wärterin zieht sich später extra Handschuhe an, um für mich diese Installation in Gang zu setzen. An einem völlig handelsüblichen Kippschalter.

Ein interaktives Highlight ist eine rundum verspiegelte begehbare Kammer, in der man als Besucher gefilmt und um 8 Sekunden zeitversetzt in mehreren Ebenen wieder abgespielt wird – Rahmen in Rahmen in Rahmen. Das verklemmte Bankerpaar stellt sich sofort mit dem Rücken zur Kamera.

Er zeigt sich besonders interessiert an drei scheinbar monochromen Leinwänden in unterschiedlichem Hellgrau. Auf denen bei genauerem Hinsehen millimeter-winzige Zahlenreihen zu sehen sind, in etwas noch hellerem Grau. Und zwar per Hand und Pinsel gemalt, wie die Führerin erklärt.

Der Maler habe sein Leben lang nichts anderes getan, als bis in die Millionen hochzuzählen und diese Zahlen auf Leinwand zu malen. Immer mit einem etwas helleren Grau auf Grau. Um irgendwann eine völlig weiße Leinwand zu erreichen. Das sei ihm nie gelungen. Denn der Pinsel hatte vom Vortag immer noch eine homöopathische Dosis Grau, die das verhinderten. So die Führerin.

Meine Highlights der Ausstellung:

Das Fotogemälde des japanischen Fotografen Sugimoto. Es zeigt, langzeitbelichtet, den Innenraum der von Corbusier gebauten Kapelle in der Schweiz. Durch die Langzeitbelichtung fällt der helle Schein aus dem Oberlicht über dem Altarraum in das Bild hinein wie eine Er-Scheinung.

Und der Video-Loop eines italienischen Künstlers mit einer Horde Grundschulkinder in einem Museum. Sie schreien laut der Kamera entgegen:

„No more reality!“

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© Stella