Passion

Schreiben ist meine Passion. Meine Leidenschaft, seit ich Buchstaben auf Papier kritzeln kann. In der Passion verbindet sich Leid und Lust. Aufgehoben in Form der Schönheit. Eines Wortes, eines Bildes, einer Melodie oder einer Blüte.

Für mich war es eine einfache Hecke, die uns vom französischen Nachbarn trennte. Einem Abenteurer der Meere, der mit dem Segelboot einmal die Welt umrundete. Bevor er hier sesshaft wurde. Im Haus am Étang. Mit Blick auf die am Leuchtturm ins offene Meer hinaus fahrenden Segler. Nur ein paar Schritte weit vom Wasser. So nah, dass der Balkon, dem Wind ausgesetzt, zur Schiffskajüte wird.

Morgens beim Frühstück auf der Terasse zog der Qualm seiner Gauloises zu uns rüber. Bevor der Weltumsegler mit seinem Hund auf die Promenade ging. Nicht ohne uns vorher ein

„Bonjour! La mer est belle aujourd'hui!“

über die Hecke zu rufen.

An der eines morgens plötzlich eine exotische Blüte aufging, die ich vorher noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Ich machte eine Zeichnung davon, die ich später meiner Patentante zeigte.

„Eine Passionsblume!“ rief sie überrascht.

Und klärte mich auf:

"Die Passionsblume steht für die Leiden Christi. Ihre Blüte weist drei Narben auf, die Nägeln ähneln. Der purpurrote Kranz lässt sich mit der Dornenkrone vergleichen, die fünf Staubblätter stehen für die Wundmale."

Was mich wunderte: Die Blüten öffneten sich immer nur Richtung Sonne. Die meisten waren in der Mitte von dunklem Violett, nur wenige weiß wie Albinos. Aber alle zeichneten sich durch diesen extravaganten fliederfarbenen Strahlenkranz rund um die leuchtend gelben Blütenstempel aus, eingefasst von zart weißen Blütenblättern.

„Die Passionsblume wächst hier in Südfrankreich wie Unkraut“, erklärte mir meine Patentante.

Ursprünglich stammte sie allerdings aus den Tropen, brachte ich in Erfahrung. Sie wächst auch in Süd-, Mittel- und Nordamerika. Die Indianer verwendeten teilweise ihre heilende oder berauschende Wirkung. Erst im 17. Jahrhundert kam sie nach Europa und wurde dort auch als Heilpflanze genutzt.

Letztes Jahr habe ich im eigenen Garten eine eigene Passionsblume gepflanzt. Sie hat sofort zu blühen begonnen. Ihre Blüten sind, wie die ihrer Mittelmeer-Schwestern, von fast künstlicher Schönheit und nach einem Tag schon wieder verblüht.

Fast zur gleichen Zeit fing ich im letzten Sommer an, verstärkt eigene Texte zu schreiben. Seit einigen Monaten schreibe ich sogar fast täglich.

Erst sah es so aus, als hätte die Passionsblume den Winter nicht überstanden. Aber jetzt blüht sie nicht nur im zweiten Jahr, sondern trägt auch die ersten Passionsfrüchte. Maracujas gelten als exotische Delikatesse. Der Name Maracuja (maracujá) stammt aus dem Portugiesischen, das das Wort aus der indigenen südamerikanischen Tupi-Sprache entlehnt hat, und bedeutet „Mara = Speise, Cuja = Gefäß“.

Schreiben ist für mich beides. Tägliche Seelen-Nahrung. Und Gefäß für all das, was mir auf der Seele liegt. Meine Passion.

© Stella