eine Inszenierung

"Die einzige Triebfeder in mir ist ja eigentlich sowieso nur die, zu sagen, was niemand sagt, oder zu schreiben, was niemand schreibt. Was alle schreiben, dass die Stadt schön ist, das weiß ja eh jeder." sagte Thomas Bernhard im Gespräch über Salzburg.

Bevor ich selbst Salzburg besuche, habe ich es mir „erlesen“. Mit den Büchern von Thomas Bernhard. In seinen autobiografisch inszenierten Kindheitserinnerungen schreibt er über seine Hassliebe:

"Ich und die Stadt sind eine lebenslängliche, untrennbare, wenn auch fürchterliche Beziehung. Alles in mir ist dieser Stadt als Herkunft ausgeliefert."

Wegen seiner öffentlich vorgetragenen Wut auf Salzburg wurde der Schriftsteller hier über Jahre als "Nestbeschmutzer" beschimpft.

Nach Salzburg zieht es mich zum ersten Mal 2001. Vorher nähern wir uns an. Wir fahren nach Ohlsdorf. Oberhalb von Salzburg. Durch Wiesen, Kühe und Bauernhöfe. Es gießt wie aus Kübeln. Thomas Bernhards Vierkanthof, den er 1964 kauft, ist nur zu finden, wenn man ihn partout finden will. Vor Ort sind wir die einzigen Besucher. In der Küche erspähen wir den Germanisten und Bernhard-Experten Hans Höller. Eine junge Frau führt uns durchs Haus. Bernhards architektonische Selbstdarstellung als Schriftsteller.

Zu seinem 70. Geburtstag widmet das Salzburger Museum Carolino Augusteum 2001 dem Autor eine Ausstellung: Thomas Bernhard und Salzburg. 22 Annäherungen. Wir kämpfen uns durch dichten Verkehr hin. Suchen zwischen Berufstätigen und Touristen eine Parklücke. Schieben uns durch Menschenmengen zum Museum. Endlich sind wir drin. Und dort mit der Putzfrau alleine. Wir sind gefesselt von den Dokumenten: Zitate aus der Autobiographie, mit historischem Fotomaterial versehene Kommentare, Zeitungsartikel aus Bernhards journalistischer Tätigkeit, Typoskripte seiner frühen Lyrik, Text-, Ton- und Bilddokumente.

Eine grandiose Inszenierung seines Salzburger Stationendramas: Kindheit in Seekirchen. Ab 1943 Schülerheim Johanneum in Salzburg, Nationalsozialismus in und Bomben auf die Stadt. 1947 Abbruch des Gymnasiums. Lehre in einem Lebensmittelgeschäft im ärmsten Viertel. Nach Rippenfellentzündung Lungentuberkulose. Als Achtzehnjähriger Letzte Ölung im Salzburger Landeskrankenhaus. Zwei Jahre Lungenheilanstalt Grafenhof in St. Veit. Dann Journalist beim Salzburger "Demokratischen Volksblatt" und Musik-, Schauspiel- und Regiestudium am Mozarteum.

Nach ein bis zwei Stunden sind wir immer noch alleine in der Ausstellung. Die Salzburger hadern wohl nach wie vor mit Thomas Bernhard. Erst 2001 wurde nach langem Hin und Her am Landestheater eine Gedenktafel für ihn angebracht. Seit 1996 ist in der Scherzhauserfeldsiedlung eine Straße nach dem Autor benannt.

Als wir später durch die Gassen spazieren, erscheint uns Salzburg wie die Bühnenkulisse eines Thomas-Bernhard-Stücks. Und umgekehrt. Seine Schriften zu Salzburg wie die Inszenierung seiner Lebens-Stadt.

© Stella