Sekundenglück Ferne

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Sekundenglück Ferne | story.one

"Doch wir haben große Sehnsucht danach, in die Ferne zu fahren wie alle anderen. Selbst wenn es nicht gerade erholsam ist." schreibt der Fotograf der diesjährigen Fotokolumne im Zeit Magazin über seinen schwerst mehrfachbehinderten Sohn.

Sein Foto zeigt Mutter und Kind. Zwei Schemen im Gegenlicht unter einem Türsturz. Umrahmt von Schatten. Das Bild atmet Enge, Vertrautheit und Zuwendung. Die Abgeschiedenheit einer Bärenhöhle. So eng, dass man beide Wände mit den Händen berühren könnte, wenn man die Arme ausstreckt.

Auch wir haben große Sehnsucht nach der Ferne. Möchten die Weite spüren. Wir suchen sie. Immer wieder.

Die Ferne ist ein Versprechen. Das für uns oft schon an der Mosel beginnt. Die hier mal deutsch, mal französisch spricht. Wo Schwäne in engen Flusswindungen im Nebel auf den Morgen warten. Ein Versprechen, das eingelöst wird, wenn wir zum ersten Mal das Meer sehen über den Hügeln von Sète.

Wir fahren weit und steigen hoch für die Weite.

142 Stufen tragen wir unseren Sohn hinauf auf den Donjon Gilles-Aycelin. Um vom Turm des Bischofspalastes über Narbonne mit ihm zusammen in die Ferne zu schauen. Auch wenn er sie nicht sehen kann.

Wir schieben ihn schlafend zur Wandberghütte und zurück. Um einmal über die Schneeberge zu sehen.

Wir tragen ihn bäuchlings an der Felsküste der Cote d'azur entlang. Springen von Stein zu Stein über den Sentier littoral, der sich fußbreit über das Wasser schlängelt.

Ich hab nicht gezählt, wie oft wir das Morgenrot im Wilden Kaiser haben leuchten sehen nach viel zu kurzen Nächten. Aber ich erinnere mich gut an die wandernde Kontur des ewigen Schneefeldes auf der Schattseite. Und wie es jedes Jahr kleiner wurde.

Weite ist oft nur ein kurzer Blick.

Beim Frühstück in Ruhe ohne ihn. Auf Segler, die über den Étang durch die Leuchttürme ins offene Meer hinaus fahren. Oder von der Hutzenalm auf den Großglockner.

Weite kann man hören.

Im Rauschen des Gebirgsbachs, das ihm Angst macht, weil er sich dann selbst nicht mehr hört. Im Krächzen der Flamingos, die mit in der Nacht leuchtenden rosa Bäuchen über unsere Köpfe fliegen.

Der Duft der Weite ist unhintergehbar.

Er verbündet sich mit Thymian und Rosmarin aus der Garrigue. Und steigt mit Abendkühle hinunter ans Meer, wo wir mit einem Kronenbourg an der Kaimauer auf ihn warten. In einer kurzen Pause von unserem Sohn. Er riecht wie frisch geschlagenes Holz im Bergwald, das in der Sonne sein Harz ausschwitzt.

Weite ist beschwerlich.

Sie legt uns Steine in den Weg. Die Moräne in der Griesenau, über die wir den Reha-Buggy hieven. Sie treibt uns den Schweiß auf die Stirn hoch zur Teufelsgasse unterm Prostkogel. Ist unzugänglich wie der Fußpfad in Sigean. Zur Winzerhütte mit weitem Blick über Meer und Pyrenäen. In das "coin du paradis" unserer Freunde. Ohne Wasser, Strom und Toilette. Die Fenster offen, nur mit Schlagläden vor Wind und Regen geschützt.

Weite entsteht im Bauch. Sie dehnt sich aus. Explosionsartig. Bis die Arme zu kurz sind, sie zu umfassen.

© Stella 03.07.2019