Sur

Was ist das nur für ein Morgen, an dem ich aus dem Traum mit einem Tango im Ohr aufwache, der mir im Schlaf die Tränen in die Augen trieb? „Vuelvo al Sur“ von Astor Piazolla, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehört habe. Melodie gewordene Sehnsucht und Melancholie. Die zum Soundtrack meines Tages wird.

Der Tango ist Titelmelodie des Films „Sur“ von Fernando Solanas. Einem Film aus den späten Achtzigern, der zur Zeit der Militärdiktatur seit 1976 in Argentinien spielt. „Sur“ habe ich 1989 in Berlin gesehen. „Sur“ steht für die Sehnsucht nach Freiheit, Liebe und Poesie des Südens.

Das entsprach genau meinem Lebensgefühl, aus dem ich mich aus einer Partylaune heraus spontan für einen Studienwechsel nach Berlin entschieden hatte. Und es traf exakt den Nerv der Umbruchszeit vor dem Mauerfall. Eine Implosion vielfältiger Sehnsüchte. Die sich für mich im Kino, das ich in Berlin täglich besuchte, vervielfältigten.

Jeden Tag gab es irgendwo einen anderen Klassiker. Mein Freund liebte die französischen Filme der Nouvelle Vague. Und ich liebte meinen Freund. Also schauten wir Jean Luc Godards „Außer Atem“ mit dem charmanten Gangster Jean Paul Belmondo und „Eine Frau ist eine Frau“ oder „Die Verachtung“ mit Brigitte Bardot und Michelle Piccoli und dem greisen Regisseur Fritz Lang als Hommage in einer Nebenrolle.

Wir gingen in Franҫois Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ und schauten „Fahrenheit 451“, seinen Science Fiction mit dem unvergessenen Oskar Werner über die Verbrennung der nicht ins gleichgeschaltete politische System passenden Bücher und das Exil der Buchmenschen, die Bücher auswendig lernen, um sie zu bewahren.

Aus Sehnsucht ging ich an einem einsamen Abend sogar alleine in Truffauts „Jules et Jim“ in ein abseits gelegenes Kino unterhalb vom Tempelhof. In einem eher kulturfernen Viertel, wo abends die Arbeiter in Unterhemden auf der Fensterbank lehnten und ihren Frust über ihr verpatztes Leben in den Nachthimmel bliesen.

Überhaupt die Kinosäle! Das Cinema Paris am Kudamm aus den Fünfzigern mit rotem Samt. Der riesige Filmpalast Delphi, in dem wir Woody-Allen-Filme sahen. Die Underground-Filmbühne 66, in der wir den japanischen Nudelsuppen-Kultfilm „Tampopo“ verschlangen. Zur Unterhaltung gab es “James Bond“ oder Thriller wie „Angel Heart“ im Sputnik am Südstern mit den gemauerten Sitzen.

Wir sahen US-Filme der „Schwarzen Reihe“ mit dem kleingewachsenen Schurken James Cagney. Und sämtliche Filme Frederico Fellinis, dem Zauberer des italienischen Films, wie „Achteinhalb“ mit seinem Alter Ego und Frauenhelden Marcello Mastroianni.

Doch nirgends war das Gefühl neuer Freiheit und plötzlich realisierbar erscheinender Sehnsucht nach Liebe und Poesie des Südens so stark wie bei "Sur". Und dem bis Oktober 1989 in der DDR verbotenen Film „Spur der Steine“ mit Manfred Krug, den ich mit Ost-Berliner Freunden im Kult-Kino „Babylon“ im Ostteil der Stadt nicht lange nach dem Mauerfall sah.

© Stella