Die Reise nach Tokio

Ein Himmelsriese / Die Zeder vor dem Fenster / Lächelnde Anmut.

Weil Haikus fast alles aussparen, wird alles Wesentliche gesagt.

Ein Haiku-Meister des Films ist der japanische Regisseur Yasujirō Ozu. Er erzählt leise, ereignisarme Familiengeschichten mit extrem verzögertem Spannungsaufbau.

Über zwei Stunden dauert Ozus wohl bekanntestes Film-Epos „Tokyo Monogatari“ aus dem Jahr 1953. Ein Grund, warum Ozus stille Kunstfilme nur selten im Fernsehen gezeigt werden.

Doch vor vielen Jahren, zu der Zeit, als es noch Festplatten-DVD-Recorder mit VPS gab, wurde „Die Reise nach Tokio“ im japanischen Original mit deutschen Untertiteln doch einmal ausgestrahlt. Leider sehr spät. Deshalb nahmen wir die Sendung auf.

Tage später machten wir es uns vor dem Fernseher bequem und starteten voller Erwartung den Film. Denn es war unser erster Ozu:

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Play >> Ein älteres Ehepaar begibt sich auf eine lange Zugreise, um die Kinder in Tokio zu besuchen. << Pause

Die Filmsprache ist uns fremd: Die Handlung ist schlicht. Bilder und Dialoge sind karg. Man schaut durch Türen oder Fenster, meist in Innenräume. Antworten beschränken sich oft auf „Ho“ und „Hm“. Was scheinbar so gut wie alles heißen kann: Ein stilles Sich-Wundern, wortlose Zustimmung oder verhaltene Skepsis.

Play >> Doch weil die Eltern den Kindern nach nur wenigen Tagen lästig werden, schenken sie ihnen eine Badekur. Aber das dortige Nachtleben ist den Alten zu laut und lebhaft. << Pause

Der Blickwinkel ist eigenwillig: Die Kamera filmt die ganze Zeit auf Kniehöhe. Von einem festen, unbewegten Standort. Offenbar aus der Augenhöhe eines Zazen-Meditierenden. Der Hauptdarsteller lächelt mit sturer Gelassenheit vor sich hin. Wie die Maske eines weisen Narren aus dem japanischen Nō-Theater.

Play >> Weil die Eltern nicht weiter zur Last fallen möchten, treten sie vorzeitig die Rückreise an. Ihre Kinder sind erleichtert.

Bis sie einen Anruf erhalten, dass die Mutter bei der Rückfahrt in den Heimatort schwer erkrankt ist … << Stopp

~~ Rauschen ~~Rauschen ~~Rauschen ~~

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Nach über einer Stunde wurde es endlich spannend. Genau an dieser Stelle brach die Aufnahme ab. Ende ausgespart. Ein echtes Haiku.

Anfang und Ende der Sendung hätte die VPS-Funktion automatisch ansteuern sollen. Hatte sie aber nicht. Ich war „not amused“. Denn wie ging die Geschichte nun aus? Den Film gabs so gut wie nie im Kino und auch nicht zu kaufen.

Keine zehn Jahre später, ich hatte den Film längst vergessen, gab es die Ozu-Filme endlich auf DVD. Yatta! Juchhu! Nach der ein Jahrzehnt lang gedrückten Pausen-Taste durften wir „Tokyo Monogatari“ zu Ende sehen!

Einhundertsechsunddreißig Minuten buddhistische Film-Meditation. In der letzten dreiviertel Stunde nimmt die Handlung rasant an Fahrt auf. Bis zum einsamen Höhepunkt: einem der sicher unvergesslichsten Schlussdialoge der Filmgeschichte.

Wo der Alte zu seiner jüngsten Tochter sagt:

„Das Leben ist eine Enttäuschung“

„So ist es.

© Stella