Vom Warten

Und wenn das Warten darauf, dass eine neue Geschichte beginnt und eine alte endet, schon die ganze Geschichte ist? Ein Warten auf unbestimmte Zeit. Während eines unfreiwilligen Aufenthalts.

Ein Leerraum (oder Lehr-Raum?), in dem zwei Bewegungen miteinander kollidieren: die Flucht vor dem, was sich nicht fortsetzen soll, in etwas, das man genauso fürchtet wie das, vor dem man flieht?

Ein Vakuum für die maximale Ausdehnung der Unsicherheit. Ob es besser wird, wenn sich etwas verändert. Aber muss sich nicht erst etwas verändern, damit es besser werden kann?

Ein Nicht-Ort, in dem Hoffnung und Angst auf einer Messerspitze Platz haben. Hoffnung, dass der eingeschlagene Weg ein Ausweg ist, und Angst, dass er ein Irrweg sein könnte, im schlimmsten Fall nur ein Umweg.

Doch was kann der Aufgehaltene tun? Nichts. Gestundete Zeit im Pendeltakt zwischen Nicht mehr und Noch nicht. Nichts zu tun, als Gedanken-Fransen zu kämmen und die Tage mit Worten zu verlängern.

Geschichten schreiben. Vom Aufenthalt, dem kleinen Tod des Alltags. Über die „tote Zeit“ des Wartens.

Die Geschichte vom Warten fordert das Unmögliche: Erlösung. Die Aufhebung der Unauflösbarkeit des Widerspruchs vom Augenblick, der festhängt, und der Zeit, die unerbittlich weiterläuft. Absurderweise durch das Nacheinander des Schreibens. Wort für Wort. Satz für Satz.

Der Ausweg: Die Wiederholung als Beschwörung der Gleichzeitigkeit im Ungleichzeitigen. Als magischer Akt, um den in sich gefangenen Zeitpunkt zu befreien.

Vielleicht birgt gerade das in sich kreisende Schreiben Entdeckungen, nach denen man gar nicht gesucht hat? Das Wiederholen des Immergleichen hieße also paradoxerweise, das Unerwartete zuzulassen, sich dem Chaos zu öffnen. Dem Zufall Raum zu geben und damit die Vision der Erlösung zu ermöglichen.

Die möglicherweise gar nicht innerhalb des Schreibens zu suchen ist. Aber durch das Schreiben ausgelöst werden kann. Um das Warten nicht nur mit einer Geschichte zu überbrücken, sondern es aufzulösen.

Damit das Warten ein Ende hat. Und mit ihr die Geschichte zwischen den Geschichten.

Die Ironie der Geschichte: Der Erzähler hat während des Schreibens vielleicht die Zeit besiegt, aber es hört ihm keiner mehr zu.

© Stella