Wer nichts sucht, der findet

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Wer nichts sucht, der findet | story.one

Eine der schönsten Sachen, die einem passieren kann, ist es, Dinge zu finden, nach denen man gar nicht gesucht hat. Mein Vater war so jemand, der ständig etwas fand. Alte Schnürsenkel. Eine Schraube. Oder einen verlorenen Bleistift. Er hielt immer die Augen offen. Und konnte alles gebrauchen. Mein Vater kam selten vom Spaziergang zurück, ohne ein Fundstück in den Taschen. Und sei es nur eine Kastanie.

Den Blick für das, was andere verloren oder wegworfen haben, muss ich wohl von meinem Vater geerbt haben. Keine Kordel, keinen Dübel, keinen Schlüsselanhänger kann ich liegen lassen, wenn ich so etwas auf dem Gehweg finde. Unser Flur-Regal ist mittlerweile zum Museum der verlorenen Kleinigkeiten geworden.

Sobald ich irgendwo am Straßenrand Sperrmüll sehe, würde ich mich am liebsten sofort auf die Suche machen. Meine Schwester war passionierte Sperrmüllsammlerin. Von einer ihrer Expeditionen – zu Zeiten, in denen man noch antike Möbel auf die Straße stellte – brachte sie einen zierlichen Beistelltisch aus dunkelrot gebeiztem Holz auf schlanken gedrechselten Beinen mit. Ein Geschenk von ihr, das ich seither zum Schreiben nutze.

Sperrmüllsammler helfen sich oft beim Finden. Zuletzt sprach mich ein türkischer Sammler an:

„Möchten sie nicht ein Bett? Das hier ist noch komplett intakt!“

„Danke für den Tipp!“ sagte ich. „Ich nehme nur Dinge mit, die ich auch selbst tragen kann.“

„Ich trage es Ihnen!“ bot spontan ein junger Mann an, der im gleichen Haufen wie wir wühlte.

Trödelmärkte sind natürlich ein Paradies für Dinge, nach denen man nie gesucht hat. Mit meiner Schwester hatten wir selbst jahrelang einen Stand auf dem Altstadtfest unseres Heimatstädtchens. Wo wir verkauften, was wir im Keller an alten Sachen fanden. Und Eiserwaffeln mit sauren Kirschen und Sahne anboten.

Einmal waren wir auf dem Zöppkesmarkt in Solingen. Nach einem Schälmesser, im Platt „Zöppken“, benannt. Eine der für die "Stadt der Messer" typischen Eisenwaren dieses Marktes. Dort hatten wir einen Stand gemeinsam mit ihrer Freundin. Die da auch das abgetragene Toupée ihres schon in jungen Jahren kahlköpfigen Mannes feilbot. Wir machten uns einen Spaß daraus, das Zweithaar in höchsten Tönen anzupreisen. Naturgemäß vergeblich.

Vor kurzem habe ich einen Kuriositäten-Sammler kennengelernt. In seiner Wohnung stapeln sich afrikanische Skulpturen, altes Küchenhelfer, historische Uhren, Messer, Bilder und gebrauchte Bücher. Ein besonderes Faible hat er für Schlaf- und Rucksäcke, erklärte mir der passionierte Flohmarktgänger. Diese kaufe er immer. Auch wenn er sie gar nicht gesucht habe. Nicht, um sie zu behalten, sondern um sie zu verschenken.

Eigentlich ist mein Freund also eher Kuriositäten-Vermittler. Auch für Menschen und ihre Geschichten. Denn seit kurzem schreibt er sie auf. Nicht für sich, sondern um sie weiterzugeben. Ein Geschenk an seine Kinder. Und an alle, die es mögen, beim Lesen Dinge zu finden, nach denen sie nie gesucht haben.

© Stella