Wie eine Birne

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Wie eine Birne | story.one

„Du kommst hier rein, als entschuldigtest Du Dich dafür, auf der Welt zu sein.“ begrüßte er sie an der Tür. „Das saß“, dachte sie. Und: „Sag nur ein Wort: Und meine Seele wird zum Kind, das nie hätte geboren werden sollen.“

Dann stand sie doch im Flur. Folgte ihm in die Ein-Mann-Küche, so winzig wie die Kombüse auf einem kleinen Segelboot. Er kochte Tchai, wie sie es so zum ersten Mal gesehen hatte. Tee mit Milch und einer zerdrückten Kardamom-Kapsel.

Sie setzten sich an den kleinen Tisch am Kopf des einzigen großen Raums. Esszimmer, Wohnraum und Schlafzimmer in einem. Außer dem Tisch und zwei Stühlen lag lediglich eine Matratze auf dem Boden. Kein Schrank, keine Kommode. Ein gerahmter Kunstdruck der sitzenden blauen Frau von Matisse lehnte an der Wand. Als wäre der Bewohner gerade erst hier eingezogen. Und hätte nicht die Absicht, lange zu bleiben. Jemand mit wenig Gepäck, wie auf der Durchreise.

Er hatte ihr damals gleich beim ersten Treffen von seiner großen Liebe erzählt. Samira, eine dunkelhäutige Frau mit schwarzem Haar, die sie sich vorstellte wie die Südsee-Schönheiten auf den Bildern Gauguins. Sie rätselte, aus welcher der mit der Sowjetunion befreundeten Länder die Schöne wohl nach Leipzig gekommen sein mochte, wo die beiden zusammen studierten und eine Wohnung teilten. Er erzählte mit Leidenschaft von ihr. Und hätte sein Leben mit ihr verbringen wollen. Das verriet seine Enttäuschung, als er über ihre Trennung sprach.

Seine Trauer war wohl der Anlass zu seiner Flucht aus der DDR. Mit dem Transsibirien-Express über die Mongolei. Mit mehr Glück als Verstand hätten sie ihn und seinen Freund unbehelligt in der Transsib bis Peking reisen lassen. Das hatte es wohl noch nie gegeben. Kein DDR-Bürger war bis dahin über diese Fluchtroute bis zur deutschen Botschaft in Peking gelangt.

Die Geschichte seiner riskanten Flucht war abenteuerlich. Das große Zimmer wurde zum Erzählraum, den sie mir ihren Fantasien füllte. Von seiner Hoffnung und der Angst in all den Tagen und Nächten in der Transsibirischen Eisenbahn durch endlose mongolische Steppen.

Sie sah durch das bodentiefe Terrassenfenster. Gegenüber gab es ein kleines Schwimmbad nur für die Mieter. "Möchtest Du schwimmen?" fragte er. Das Becken gehörte ihnen allein. Danach begegneten sie sich wie zwei Schiffbrüchige, die zufällig am gleichen Strand angespült wurden. Leicht, sanft und von einer absichtlosen Zärtlichkeit, mit der Körper manchmal zueinander finden, ohne sich gesucht zu haben. Doch als sie ihn am anderen Morgen verließ, begann die Sehnsucht. Die wollte dass dauerte, was einmalig bleiben sollte.

Jetzt saßen sie einander noch einmal gegenüber an dem Tisch, auf dem Obst stand. „Du bist reizvoll wie eine Birne“, sagte er und sah auf den Tisch. Er meinte "Wie hätte ich Dir da widerstehen können!“ Das Eigentliche sparte er aus: Ihre Geschichte war nie von ihm begonnen worden, um weiter erzählt zu werden. Oft reicht schon der Anfang. Das versteht sie erst jetzt.

© Stella