Zeitschleuse

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Zeitschleuse | story.one

Es ist still hier. Still und dunkel. Wir haben ein kleines, dunkles Einzelzimmer am Ende des Ganges im Isoliertrakt. Jalousien schützen vor der Sonne, aber nicht vor der dumpfen Hitze. Links in der Ecke steht ein gelbes Metallgitterbett. Über dem Bett Neonlichter, die nach oben strahlen. Die Schwestern legen Nierenschalen aus grobem grauem Eierkarton darauf. Die Patienten vertragen nur gedämpftes Licht. Gegenüber eine Hygienezeile mit Edelstahlwannen zum Baden und Waschen. Darauf Reinigungs- und Desinfektionsmittel. Davor verschiedene Eimer für schmutzige Wäsche, medizinischen Abfall und Restmüll.

Der Platz dazwischen reicht gerade für eine Sonnenliege. Wie sie hier auf jedem Zimmer steht. Für die Eltern. Denn die meisten verbringen mehrere Wochen mit ihren Kindern hier auf der Kinder-Onkologie. Es ist heiß und stickig. Das Fenster im Isolierzimmer kann man nicht öffnen. Auch die Flurtür vor den Isolierzimmern bleibt meist verschlossen. Außer Ärzten und Krankenschwestern dürfen nur die Eltern der Patienten die Schleuse passieren. Man hört den Unterdruck, wenn jemand sie öffnet und schließt.

Jenseits des Vorraums, den ich wie eine Zeitschleuse passiere, sind alle Türen und Fenster geöffnet. Das Gebäude ist alt und ungedämmt. Klimaanlagen gibt es keine. Der Durchzug lässt die Hitze ein wenig erträglicher erscheinen. Alle Zimmer sind überbelegt. Viele schöpfen Luft auf dem langen Gang. Eltern mit ihren Säuglingen auf dem Arm. Kleinkinder auf Dreirädern oder Rollern. Mit Tropfs an mannshohen Gestellen, die offensichtlich für Erwachsene gedacht sind und die die Mütter ihren kahlköpfigen Kindern hinterherschieben.

Manchmal sind es auch die Väter. Wie der russische Vater, der mit Unterhemd, Bermuda-Shorts und Flipflops dem kahlköpfigen Kleinkind mit Tropf hinterherrennt. Vorbei am muslimischen Vater in weißer Kutte und Kopfbedeckung, der mit bloßen Füßen nur kurz die Tür öffnet, um von den Ärzten die aktuellen Blutwerte seines kleinen Sohnes zu erfahren. Er singt ihm oft arabische Lieder vor. Man hört seinen orientalisch hin- und her mäandernden Singsang noch auf dem Flur. Bis in den Speiseraum, wo die voll verschleierte Mutter, die mit ihrem krebskranken Kleinkind im Strampler und zwei Geschwistern schweigend im Spielzimmer sitzt. Zusammen mit der griechischen Großfamilie, die gerade für das Geburtstagskind, den kleinen Steljos mit den großen Beulen und frischen Narben am Kopf, kitschig bunt verzierte Kuchen auftischt. Sie singen ein Geburtstagslied. Patienten und Schwestern singen mit.

Die Kleinen bekommen für jede Therapie oder Untersuchung bunte Holzperlen zur Belohnung. Die sie an Nylonfäden aufreihen und dann an ihren Tropfs befestigen können. Manche dieser Ketten sind über einen Meter lang. Die Kinder spielen, lachen, sind frech und weinen. Wie zu Hause auch. So scheint es zumindest. Jetzt sind sie eben krank. Aber sie werden wieder gesund. Das kann gar nicht anders sein.

© Stella 11.04.2019