Holzfällen

Wie aus dem Nichts schwebten sie heute früh von oben aus dem Astwerk herunter wie Baum-Engel. Als wären sie aus einer anderen Welt oder einer anderen Zeit gefallen. Mitten in die Rush Hour, direkt neben der vielbefahrenen Straße.

Die mysteriösen Baum-Engel entpuppten sich als moderne Holzfäller mit Helm und im Lendengeschirr. Die sich an Seilen in haushohen Baumkronen gigantischer Platanen mit ihrer Stihlsäge wie Zirkusakrobaten von Ast zu Ast hangelten. Gestern waren sie mir schon im Park aufgefallen. Ich konnte nicht anders. Musste einfach eine Weile zusehen.

Bei diesen sportlichen Jungs im Kletter-Outfit muss ich immer an die „Morgens halb zehn“-Werbung für Nussriegel denken. Bei der ein durchtrainierter knackiger Bauarbeiter zur Frühstückspause vor der verzückten Damenwelt seinen nackten muskulösen Oberkörper präsentiert und dabei lasziv in sein „Frühstückchen“ beißt. Auch wenn die nicht allzu aufregende Milch-Haselnuss-Schnitte nur wenig mit Lust und Abenteuer zu tun hat. Die Fantasie isst schließlich mit!

Der sonore Klang einer Baumsäge weckte uns vor ein paar Monaten noch vor dem Frühstück. Die drei kräftigen Jungs, die vor unserer Haustür in und unter der Lärche auf dem Nachbargrundstück herumsägten, waren Profis. Das sah man gleich. Ein Kahlrasierter holte am Ende ihrer Säge-Symphonie zum beherzten Schlag mit einer Axt aus, mit der man ein Mammut hätte zerlegen können. Und zerschlug mit einem gezielten Hieb eine frei gelegte Wurzel vom Umfang eines männlichen Oberschenkels. Ruckzuck rissen die drei irischen Baumfäller das schwere Wurzelwerk aus dem Boden und schleppten das grob zerhackte Gehölz zum Wagen wie steinzeitliche Jäger ihr frisch erlegtes Wild. Nicht, ohne zum Abschied noch ein paar derbe Witze zu reißen.

Ein Nachwuchs-Exemplar dieser Gattung begegnete mir doch unlängst auf der Straße. Ein etwa vierjähriger Junge stellte sich mir frech in den Weg und wippte herausfordernd mit seiner Plastik-Stihlsäge, die er lässig an seiner Hüfte trug. Früh übt sich, was einmal ein großer Holzfäller werden will. Mit der Coolness war es allerdings schnell vorbei, als ich ihn freundlich auf sein professionelles Arbeitsgerät ansprach. Eine Stihlsäge macht eben noch keinen Mann. Auch wenn man ohne Stihlsäge offenbar kein echter Mann ist.

Die lustvolle Verbindung von Mann und Baumsäge hat jedenfalls irgendwie etwas von einem archaischen Initiationsritus. Ein Relikt aus einer Urzeit, in der Männer den Frauen noch die Wünsche von den Bäumen holten. Anders ist die Attraktion dieser Kerle, die in Baumkronen klettern, sich wie Baum-Engel von den Ästen abseilen und mit einem Hieb der Axt den Weg frei schlagen, für mich kaum zu erklären.

© StellaArtois