Darf’s ein bisschen Wahrheit mehr sein?

Wahrheit ist unbequem. Zu viel Wahrheit ist schamlos. Sie macht betreten. Man weicht ihr aus. Schweigt. Wechselt das Thema. Oder wendet sich ab.

Man schämt sich mit, wenn jemand sein Leid allzu ehrlich zum Ausdruck bringt. Übertriebene Ehrlichkeit ist peinlich.

Betretene Gesichter sehe ich oft, wenn wir vom Leben mit unserem schwerst-mehrfachbehinderten blinden Sohn erzählen. Sie geben mir das Gefühl, etwas öffentlich zu machen, das die Grenzen des Schicklichen überschreitet.

Das bringt mich dazu, noch einen Schritt weiter zu gehen. Und unsere Geschichte aufzuschreiben. Die meisten Leser reagieren mit Schweigen. Wenn jemand etwas dazu sagt, kommt meistens „rührend“ oder „berührend“ darin vor.

Der Grad zwischen „rührend“ und „peinlich berührt“ ist schmal. Was ist das, was an zu viel Wahrheit so peinlich berührt? Was ausweichen lässt? Es ist, glaube ich, die Unterschreitung der Individualdistanz.

„So genau will ich es dann auch nicht wissen“, pflegt meine Schwester zu sagen. Im letzten Telefonat mit ihr habe ich deshalb einfach einmal nichts gesagt zu unserer eigentlich immer akut oder subakut prekären Situation mit unserem Sohn. Meine Schwester hat das Thema einfach ausgespart. Ich war sprachlos.

Was ist es, das zu dieser Vermeidungsstrategie, ja, ich möchte beinahe sagen „zwingt“? Es ist Angst. Und Scham, sich selbst diese Angst einzugestehen. Angst wovor? Vor der erschreckenden Einsicht, wie zerbrechlich jedes einzelne Lebenskonstrukt ist. Auch das eigene.

Wir begegnen wenigen Menschen, die dieser Angst nicht ausweichen. Es braucht, wie es mir scheint, nicht nur Mut dazu, sondern auch Demut. Mut, sich der Erkenntnis zu stellen, dass wir viel weniger Einfluss auf unser Leben haben als wir gerne hätten oder zu haben meinen. De-Mut gegenüber der Unplanbarkeit des Lebens.

Begegnungen mit Familien mit körperlich und geistig schwer beeinträchtigten Kindern wie unserem Sohn rühren an die Wurzeln der eigenen Existenz. Und stellen zugleich unsere moralischen und gesellschaftlichen Werte in Frage.

Diese Kinder setzen dem Leistungsgedanken als Motor des Kapitalismus ihre umfassende Hilfsbedürftigkeit entgegen. Dem Machbarkeits-Wahn der modernen Wissenschaftswelt den maximalen Kontrollverlust. Und der Spaß-und-Event-Gesellschaft ihre Schmerzen und ihr unverdientes Leid.

Die Wahrheit ist: Für Kinder wie unseren Sohn gehören Freude genauso wie Schmerzen ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Sie durchleben beides mit der gleichen überwältigenden Intensität, die uns als Betrachter sprachlos macht. „Was für ein schweres Schicksal“, sagt unser Verstand. Unser Wissen macht uns blind. Blind für das, was diese Kinder uns voraus haben. Ihre ansteckende Lebensfreude, ihre unstillbare Neugier auf das Hier und Jetzt, ihr fragloses Bei-sich-sein in jedem einzelnen Moment.

Diese Wahrheit kann jeden bereichern.

© StellaArtois