Das furchtlose Mädchen

Es war einmal ein kleines furchtloses Mädchen, das kannte weder Scham noch Schmerz. Sie war einfach so, wie sie war. Und es ging ihr wunderbar.

Sie liebte Matchboxautos. Und spielte Handball, wie die Brüder. Konnte den Schlagball so weit werfen wie keine andere. Und war stolz darauf. Da kam die zehn Jahre ältere Schwester auf die lustige Idee, ihr die Haare kurz zu schneiden. Der Vater war entsetzt. Ein Friseur sollte das Malheur in Ordnung bringen.

„Du siehst ja aus wie ein Junge!“ lästerten die anderen.

Das kleine Mädchen schämte sich. Was ihr vorher Spaß machte, fühlte sich plötzlich falsch an.

Ein Bruder war fünf Jahre älter. Er musste oft auf das kleine Mädchen aufpassen. Zum Spaß schickte er die Schwester betteln. Für eine Scheibe Wurst oder Süßigkeiten. Sie fand das spannend. Ausgenutzt fühlte sie sich erst, als die Eltern mit dem Bruder schimpften.

Das kleine Mädchen freute sich auf den Kindergarten. Und die anderen Kinder. Doch nachmittags blieben die meisten zu Hause. Da mochte sie auch nicht hin.

„Ich soll Dich aber bringen!“ sagte ihr Bruder.

Und schleppte sie trotzdem hin. Sie weinte und fühlte sich bestraft.

Einmal war sie mit dem Bruder durch Stacheldraht-Zaun geklettert. Das kleine Mädchen riss sich eine tiefe Wunde in den Ellbogen. Sie blutete stark. Doch es tat gar nicht weh. Bis der Onkel sagte:

„Die Wunde muss genäht werden!“

Die Eltern meinten, ein Pflaster muss reichen. Erst jetzt begann es weh zu tun.

Einmal nahmen die vier Geschwister ihre kleine Schwester mit zum Industriegebiet. Sie versteckten sich in einer großen Röhre. Das kleine Mädchen blieb alleine und spielte sorglos im Bach. Bis fremde Kinder erzählten:

„Wir haben Messer in die Röhre gelegt und Feuer!“

Erst jetzt bekam sie Angst und lief weinend über die Felder nach Hause.

Das kleine Mädchen war viel allein. Das machte nichts. Es spielte mit alten Knöpfen und Münzen. Einmal fiel ihr Geburtstag nicht in die Ferien. Sie lud viele Kinder ein. Einige sagten:

„Wir können nicht kommen!“

Doch kein einziger kam. Erst jetzt fühlte sie sich einsam.

In der Schule rechnete das kleine Mädchen alles im Kopf. Das klappte gut. Bis sie eines Tages vorne an der Tafel mit Strich und Übertrag dividieren sollte. Die Schüler feixten:

„Die kann ja gar nicht rechnen!“

Erst jetzt merkte sie, wie dumm sie war.

Furchtlos und ausgelassen war das kleine Mädchen bald nicht mehr. Sie beobachtete und schwieg. Blieb lieber für sich alleine. Fast jeden Tag stieg sie nun auf den Dachboden mit der kleinen Luke und dem Blick über die ganze Stadt. Träumte sich mit alten Kleidern, Fotos und Büchern in ihre eigene Welt.

War sie draußen, strich sie durch den Garten. Roch am Buchsbaum, saugte Honig aus Taubnesseln, aß unreife Stachelbeeren und turnte und schaukelte an der Teppichstange, bis die Sonne über der Stadt unterging.

In ihrer eigenen Welt war sie bald autark. Doch anderen gegenüber wurde sie stachelig wie ein Igel, scheu wie ein Reh und empfindsam wie ein Kräutchen-rühr-mich-nicht-an.

© StellaArtois